Es werden immer weniger
0802_Sxx_img_chemrein.jpgEnde Mai haben Sylvia und Peter Eichenberger die Chemische Reinigung im Zentrum Töss aufgegeben. Ende Juni schliesst Marta Stahl definitiv Drogerie und ZKB Agentur. Damit verliert Töss erneut zwei Fachgeschäfte. Immerhin findet der «Bluemelade Töss» von Rahel Brotzer in der Liegenschaft der Drogerie eine neue Heimat. «Unsere Kundinnen und Kunden haben auch mir viel gegeben» betont, Marta Stahl. Seit 1962 hat sie in der Liegenschaft Zürcherstrasse 125 gearbeitet. Ende Juni ist Schluss. Nachdem die ZKB beim Zentrum einen Bancomaten einrichten konnte, waren die Verantwortlichen der Zürcher Bank nicht mehr bereit, den Agenturvertrag von Marta Stahl weiterzuführen. «Ich hätte gerne noch ein paar Jahre angehängt », sagt sie, «aber ohne Agentur hätte es keinen Sinnmehr gemacht.»
Ihr Beispiel zeigt exemplarisch die Entwicklung des Bankenwesens auf. Als sie und ihr Mann 1962 die Liegenschaft mieteten, erhielten die Arbeiter ihren Lohn noch bar ausbezahlt oder per Post. So wurde schon nach wenigen Jahren in der Drogerie ein Bankschalter eingerichtet – für die ZKB. Das Geld lag damals in einer Schublade hinter dem Ladentisch.Als dann die Firmen die Angestellten dazu anhielten, Salärkonti zu eröffnen, eröffnete die ZKB in der Nachbarliegenschaft eine Filiale. ImZentrumwar die Hypobank eingemietet, später Bankverein und UBS. Als die ZKB eine eigene Filiale eröffnete, übernahmen Marta Stahl und ihr Mann Kurt eine Agentur der Kreditanstalt, der späteren CS.
Und als diese dieAgentur wieder schloss – und auch der Umsatz der ZKB Filiale zu gering wurde, kam wieder ein ZKB Schalter in die Drogerie.Nun ist auch diese Zeit vorbei – und in Töss hat es keinen einzigen bedienten Bankschalter mehr. «Mir tun vor allem die älteren Kundinnen und Kunden leid – sie sind mit uns älter geworden, und für viele ist der Weg an den Schalter in die Stadt zu beschwerlich.» Auch das Kerngeschäft vonMarta und Kurt Stahl hat einen starken Wandel vollzogen. Zu Beginn gehörten viele Gartenartikel zum Sortiment, Sämereien, Erde, Dünger. «Und weil mein Mann gut italienisch konnte, kamen viele Italiener zu uns.» Mit den Püntenpächtern bestand eine enge Bindung. Farben gehörten neben den eigentlichen Drogerieartikeln zum Angebot, genauso wie Spirituosen – die man damals nur in der Drogerie kaufen konnte. 24 Lehrlinge konnten Kurt und Marta Stahl ausbilden während dieser Jahre – «und viele haben mir nach dem unerwarteten Tod meines Mannes auch geholfen», betont Marta Stahl.
In Töss erhielt man alles
Marta Stahl hat den Wandel in Töss hautnah miterlebt. «In Töss konnte man alles kaufen.» Es gab ein Schuhgeschäft von Bally, Samen Mauser war präsent, Kern & Schaufelberger, Metzgereien, Bäckereien, eine Papeterie. Kurt Stahl organisierte zusammen mit anderen Ladenbesitzern im Zentrum jeweils eine Weihnachtsausstellung und andere Aktionen. Aber einerseits die Änderung im Kaufverhalten – die Grossverteiler weiteten ihr Sortiment immer mehr aus aber auch durch die Problematik des Zentrums, das bereits in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts immer weniger attraktiv wurde, zogen immer mehr Geschäfte weg. Heute stimmt das Angebot einfach nicht mehr – und damit ist ein Teufelskreis entstanden.
Für Marta Stahl ist klar: «Wenn beim Zentrum nicht etwas geschieht, ist der Niedergang nicht aufzuhalten. » Seit 1911 war in der 1865 durch einen Kapitän erbauten Liegenschaft ein Ladengeschäft, seit 1953 eine Drogerie. Am 28. Juni schliesst die Drogerie endgültig. Am 16. August wird Rahel Brotzer darin ihren Blumenladen wieder eröffnen, ergänzt durch eine Annahmestelle für chemische Reinigung.
Dies ist wenigstens ein kleiner Trost – denn die chemische Reinigung im Zentrum Töss von Sylvia und Peter Eichenberger wurde Ende Mai ebenfalls geschlossen.
Zermürbt und ausgelaugt
Seit 1996 betrieben Sylvia und Peter Eichenberger die Chemische Reinigung im Zentrum Töss. Nun haben sie den ewigen Kampf aufgegeben. 30 Jahre arbeitete Peter Eichenberger bei Sulzer und in der Lokomotivfabrik, bevor er und sein Frau das Geschäft im Zentrum übernahmen. Jahrelang haben sie gearbeitet, viel gearbeitet und sich um die Kundinnen und Kunden bemüht. Nun steht Peter Eichenberger kurz vor der Pensionierung. Sein Wunsch, bis dahin arbeiten zu können, scheint sich nicht zu erfüllen. Zermürbend haben die ewigen Auseinandersetzungen mit Verwaltung und vor allem mit der Besitzerfamilie gewirkt. Es waren nicht nur die Wassereinbrüche, sondern auch die Hilflosigkeit gegenüber dem schleichenden Zerfall des Zentrums, der die beiden an sich fröhlichen Menschen bedrängte. Wie das Zentrumsgebäude selbst stehen Sylvia und Peter Eichenberger vor einer ungewissen Zukunft. Trotzdem: «Wir werden das Geschäft und unsere Kundinnen und Kunden vermissen. »
Matthias Erzinger
Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 11. Juni 2008 um 21:49 Uhr
 

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