«Das Know-how in Töss sichert unsere Zukunft»

titelbild_180An der Klosterstrasse wird auf Hochtouren gearbeitet: Im Geschäftsjahr 2010 steigerte der Rieter-Konzern den Bestellungseingang um 64% und den Umsatz um 32%, nachdem  in den beiden Vorjahren ein drastischer Umsatzeinbruch zu verzeichnen war. Rieter hat den angekündigten Turnaround geschafft und wird bereits für 2010 ein positives Konzernergebnis ausweisen.

Tössemer-Redaktor Matthias Erzinger hat Eugen Eicher, dem Chef der Maschinenfabrik Rieter, einige Fragen gestellt.

Viel zu  lesen  ist gegenwärtig  in den Medien von den Schwierigkeiten der Maschinenindustrie. Der hohe Eurokurs, die Schuldenkrise: die Exportindustrie in der Schweiz durchlebt keine einfache Zeit. Und dies nur kurz, nachdem sich die Weltwirtschaft nach dem Debakel der Finanzmärkte wieder etwas aufgefangen hatte. Herr Eicher, wie sieht die aktuelle Situation für Rieter in Töss aus?

Eugen Eicher: Wir haben ein gutes zweites Halbjahr 2010 hinter uns. Nach dem Einbruch 2008 und 2009  laufen wir gegenwärtig wieder auf 150.  Insbesondere  im  Bereich Textile  Systems  konnte  der Bestellungseingang fast verdreifacht und der Bruttoumsatz stark gesteigert werden. Die detaillierten Zahlen wird Rieter an der Bilanzpressekonferenz am 22. März veröffentlichen. Die Fabrik «brummt».

Was  «brummt»  den  eigentlich  genau  hinter  den Mauern an der Klosterstrasse?rohre_180

Töss  ist das Stammhaus mit allen Unternehmensfunktionen, sowohl global wie auch lokal. Das geht vom  Bereich  «Markets»  – der  beinhaltet  u.a. Marketing, Verkauf,  den Verkaufssupport,  Service, Ersatzteilgeschäft etc – das Produktemanagement und die Produkteentwicklung  über die eigentliche «Maschinenfabrik» bis zu den IT, Finanzen oder der Personalabteilung  mit  Ausbildung  und Weiterbildung.
Im Textilbereich heisst dies auch, dass wir hier die gesamte Know-how-Kette haben: angefangen von der Entwicklung und dem Textillabor über die Fertigung  der  Einzelteile,  die  Montage  der  Gesamtsysteme  bis  hin  zur  Kundenspinnerei,  in  der  die Ausbildung von Kunden erfolgt oder Tests gemacht werden. Es ist wichtig, dass die technologisch relevanten Teile immer innerhalb von Rieter produziert werden.

Also  ist das Know-how hier  in dieser Fabrik eine Garantie dafür, dass wir in Winterthur nicht mittelfristig eine weitere Industriebrache haben?

Wir werden hier am Standort Töss keine Industriebrache haben. Der Standort Töss zeichnet sich wie gesagt durch das grosse Produkte-Know-how, die Flexiblität  und  die  Identifikation  der Mitarbeitenden und Kader mit der Unternehmung aus.  In den nächsten Monaten müssen alle Mann an Deck, um die Bestellungen abzuarbeiten. Die globalen Kapazitäten sind voll. Aufgrund der Nähe zu den Kunden bauen wir die Produktionsstandorte  in  Indien und China  entsprechend  der  Nachfrage  kontinuierlich weiter  aus. Abhängig  vom  Fortschritt  der  Umsetzung dieser  Strategieund der Marktsituation werden  die  Produktion  und Montagen  hier  reduziert. Strategie  ist  jedoch, dass die Produktion der Technologie-Teile- und die Ersatzteil-Fertigung bleiben. Auch  eine  vollständige Montagelinie  der Maschinenfabrik bleibt.

Wie  sieht  es mit  dem Nachwuchs  aus? Macht  es denn  für  Jugendliche Sinn, eine  Lehre  im Maschinenbau  in  Betracht  zu  ziehen? Oder müssen  sich Lernende  nach  dem  Lehrabschluss  gleich  wieder weiterbilden oder umorientieren?

Wir sind auf Nachwuchs angewiesen – und Rieter ist stolz auf den eigenen Nachwuchs. 8 bis 10 Prozent  der  Belegschaft  hier  in  Töss  sind  Lernende. Ausgebildet  werden  Konstrukteure,  Polymechaniker,  Informatiker, Textiltechnologen und Kaufleute. Mittelfristig wegfallen werden die Ausbildungen als Elektroinstallateure  und  als  Anlagen-/Apparatebauer.
Vor einigen Jahren haben wir mit dem Projekt «Creative  Solution»  auch  in  der  Ausbildung  Pionierarbeit geleistet. Für ein Jahr führen drei bis vier Lernende ihre eigene Firma. Sie entwickeln, konstruieren,  produzieren,  vermarkten  und  verkaufen Designprodukte  aus  Blech  für  den Wohnbereich. Aber  auch  Sonderanfertigungen  für  spezielle Kundenwünsche werden  bearbeitet.  So  lernen  sie unternehmerisches  Denken,  erleben  das  Zusammenspiel von der Entwicklung bis zum Verkauf und  sammeln  auch  in  der  Zusammenarbeit  der verschiedenen  Sparten  Erfahrung.    Zudem  gibt  es die Projektarbeit der Konstrukteure im 2. Lehrjahr, bei der innerhalb von 50 Tagen ein Projekt von A–Z umgesetzt werden muss. Diese Projekte sind heute in der Ausbildung schon  fast üblich, vor zehn Jahren waren  es  Pionierleistungen,  auf  die wir  stolz sind. Erst kürzlich hat  in diesem Zusammenhang der Elektronikfachmarkt  Saturn  mit  drei  Rieter-Konstruktionslehrlingen einen Auftrag zur Konstruktion eines  Brunnens  mit  drehenden  Planeten  unter zeichnet. Der Brunnen  soll  ab Mitte April  für  drei Monate den Kesselhaus-Vorplatz zieren.
Es ist klar: Die Ausbildung bei Rieter geht über den Eigenbedarf  hinaus.  Aber  es  gibt  natürlich  dann auch diejenigen, die wir unmittelbar von der Lehre im Unternehmen integrieren. So konnten wir kürzlich  drei Konstrukteure  direkt  von  der  Lehre  nach China  bzw.  Indien  delegieren, was  für  die  jungen Berufsleute eine grossartige Möglichkeit ist, um die persönlichen Kompetenzen zu erweitern.

Rieter-Arbeiter Welche Herausforderungen sehen Sie für die Rieter Mitarbeitenden?

Unsere  Mitarbeitenden  sind  unser  Potenzial.  Sie identifizieren sich sehr stark mit dem Unternehmen. Die  Herausforderungen,  denen  wir  uns  stellen müssen,  sind  insbesondere die grosse  Flexibilität. Diese  ist  notwendig,  um  auf  Schwankungen  im Bestellungseingang oder bei den Produkten reagieren  zu  können.  Dazu  kommt  die  globale  Zusammenarbeit. Heute müssen wir mit Videokonferenzen  oder  anderen Mitteln  über  die  Kontinente hinweg diskutieren und Lösungen erarbeiten. So zu arbeiten ist ein Muss für eine erfolgreiche Zukunft. Das fällt nicht allen leicht. Auch die Anforderungen an die Ingenieure sind heute schon ganz anders als nur  schon  vor  zehn,  zwanzig  Jahren. Wichtig  ist, team- und lösungsorientiert zu arbeiten.

Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 27. März 2011 um 22:46 Uhr
 

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