Eine Rose für die Prinzessin von Ungarn
Es war am 31. März um die Mittagszeit, als ich Torsten Binternagel, dem Sicherheitsbeauftragten der Firma Rieter, bei der Portierloge an der Klosterstrasse das Ehepaar Szabó vorstellen konnte. Die Gäste waren mit einem ganz beson deren Anliegen aus Hamburg an gereist: Sie wollten das Grab der Prinzessin Elisabeth von Ungarn besuchen, die einstmals im Dominikanerinnenkloster von Töss gelebt hatte. Und sie waren gekommen, obschon sie wussten, dass die Klosterzeit bald 500 Jahre zurückliegt, dass die Gebäude anschlies send 300 Jahre für Verwaltungszwecke genutzt und schliesslich 1833 an den Industriellen Heinrich Rieter verkauft worden waren. Wem in Töss ist wohl dieser Bezug zur ungarischen und zur habsburgischen Geschichte noch ebenso gegenwärtig wie den beiden Besuchern aus Norddeutschland? Die Erinnerung an die im Kloster Töss verstorbene Prinzessin be deutete ihnen viel, und selbstverständlich kannten sie auch das Buch «Der Schleier der Prinzessin», in welchem der frühere Winterthu rer Stadtpfarrer Ro bert Heinrich Oehninger das Schicksal der fürstlichen Klosterfrau feinfüh lig nachge zeichnet hat. Herr und Frau Szabó hatten sich seit längerem vorbereitet und wa ren dann neugierig aufgebrochen, den Ort zu finden, wo die Prinzessin Elisabeth vor über 650 Jahren begraben worden war. Lässt sich dieser Ort im Fabrikareal überhaupt noch festlegen? Torsten Binternagel führte die Gäste entlang der Fab rikeinfahrt zu jenem letzten Relikt im Werkareal, das noch eindeu tig an die vorindustrielle Zeit erinnert: zum prächtigen Amtmannsbrunnen mit der Jahreszahl 1779. Hans Jakob Brunner, der von 1778-1784 als Amtmann die Verwaltung des Kloste ramtes leitete, hatte ihn errichten lassen. Aber nicht an diesem Standort, sondern beim eins - tigen Amtshaus, das man sich an der Klosterstrasse, etwa beim Bushalt «Töss» der Linie 8 Rich tung Steig, vorstellen muss. Auf dem heutigen Brunnenplatz hingegen und weiter gegen die Rosenau breitete sich nämlich bis 1855 der Tössemer Gemeindefriedhof aus. Und hier, umgeben von mächtigen Industriehallen, stand nun etwas verloren und mit einer weissen Rose in der Hand das Ehe paar Szabó. Zum Europäischen Tag des Denkmals im Herbst 2006 redigierte die Kantonsarchäologie des Kantons Zürich eine Skizze, in welcher die 1833 erhaltenen Bauten der ehemaligen Kloster anlagen massstäblich in einen aktuellen Fabrikplan kopiert sind. Wenn es zutrifft, dass die verstorbenen Klosterfrauen am westlichen Rand des Gemein de - friedhofes, entlang der Aus senwand des östlichen Kreuzgangflügels, bestattet worden sind, so müsste man diese Grä ber heute im Innern der gewaltigen Werkhalle suchen, die sich vis à vis des Amtmannsbrun nes befindet. Torsten Binternagel ging voran und zeigte uns den Weg. Hinter der Hallenfront sind Büros eingerichtet, und diese liegen in etwa über dem vermuteten einstigen Non nen friedhof. Schweigend verweilten wir mit den Besuchern aus Norddeutsch land in einem jener Räume – und noch einige Tage hat dort eine weisse Rose an jene be sondere ungarische Prinzessin und an das Ehepaar Szabó aus Hamburg erinnert.
Wer war diese Prinzessin Elisabeth?
Alter von zwei Jahren verlor die Prinzessin ihre Mutter. Ihr Va ter, König Andreas III., vermählte sich in der Folge mit Agnes, der Tochter des habsburgischen Her zogs und nachmaligen Königs Albrecht I. Als wenige Jahre später auch König Andreas verstarb, er - schütterten Machtkämpfe Ungarn. Die Kö nigswitwe Agnes verliess das ihr fremd geblie bene Land und übersiedelte mitsamt ihrer sechsjährigen Stieftochter Elisabeth nach Wien. Sie kehrte zurück in die ihr ver traute, höfische Umgebung, zurück auch ins Nervenzentrum der habsburgischen Politik. Und Elisabeths Erzieherinnen hatten nun dafür zu sorgen, dass die ungarische Prinzessin nicht nur möglichst bald die deutsche Sprache und feinere Sitten erlernte, sondern auch alles an dere, was am habsburgischen Hofe Geltung hatte. Und es war vermutlich in dieser Umge bung ganz normal, dass auch über den Stellenwert der Prinzessin auf dem politischen Schachbrett nach gedacht wurde. Wie konnten das habsburgi sche und das ungari sche Kö - nigsreich möglichst auf Dauer anein andergekettet werden? So kam es, dass Agnes die Ver lobung ihres jüngsten Bru ders Hein rich mit ihrer Stieftochter Elisa beth arrangierte. Beide Verlobten waren noch im Kindesalter! Doch bereits 1308 wurde unweit Windisch im Kanton Aargau Agnes Vater, König Albrecht I. ermordet. Die habsburgischen Grossmachtpläne erlitten einen grossen Dämpfer. Die Fol gen betrafen auch Agnes und Elisabeth. Stiefmutter Agnes zog sich in die sogenannten Stamm lande zurück (in die Gebiete der heutigen Schweiz) und liess am Ort der Bluttat zur Erinne rung an ihren Vater die Klos ter anlage Königsfelden erbauen. Dort residierte sie in der Folge, blieb aber weltli chen Standes. Die nun dreizehnjährige Stieftochter wurde den Dominikane rinnen von Töss übergeben und be gann hier als Novizin eine geistliche Laufbahn. Elisabeths Lebensgeschichte berichtet von fast 30 Jahren entbehrungsreichen Klosterle bens, vom inneren Kampf, als ihr Verlobter sie besucht, vom Aufbrechen einer schweren Krankheit und vor allem von ihrem Bemühen, ein gottgefälliges Leben zu führen. Ihre Demut und ihr beispielloser Ge betseifer sollen ihre Mit schwestern immer wieder erstaunt haben. Von ihrer sich verschlimmernden Krankheit erlöste sie der Tod Ende Oktober 1336.
 Elisabeth war die Tochter von König Andreas III. von Ungarn. Dieser entstammte dem Ge schlecht der Arpaden, welche am Ende des ersten Jahrtausends das Reich der Magyaren begründeten und den Ungarn eine na tionale Identität gaben. Wegen des frühen Todes König Andreas starb die Arpaden-Dynastie 1301 in der männlichen Linie aus. Elisabeth gilt somit als letzte Nachfahrin jenes Geschlechtes, welches Ungarn im frühen Mittelalter zur Einheit und zum Christentum geführt hat. In diesem Sinne ist die Prinzessin von vielen Ungarn bis heute unver gessen geblieben. Wenn man bedenkt, dass damals die Eidgenossenschaft noch keine fünfzig Jahre alt war, so erstaunt es, wieviel von Elisabeths kurzem Leben überliefert worden ist. Es ist sicher ein Glücksfall, dass ihre Lebensgeschichte bald nach ihrem Tod schriftlich festgehalten und ei ner Sammlung von 33 Tössemer Nonnenviten beigefügt wurde. Elsbeth Stagel, deren Ver fasserin, hat gleichzeitig mit Elisabeth von Ungarn im Kloster Töss gelebt und also gut ge kannt. Mittel hochdeutsche Abschriften des leider verschollenen Urtexts sind in den Stadtbib liotheken von Überlingen und Nürnberg sowie in der Stifts - bibliothek St. Gallen aufbewahrt. Robert Heinrich Oehninger hat sie vor einigen Jahren neu übersetzt. Elisabeth wurde um 1295 in Buda geboren. Ihre Kindheit war von Schicksals schlägen ge zeichnet. Im Ein Grabmal und seine Geschichte Das Erdgrab im Nonnenfriedhof blieb nicht Elisa - beths letzte Ruhestätte. Wie man weiss, wurde der Leichnam der toten Prinzessin schon nach kurzer Zeit (vielleicht auf Drän gen von Stiefmutter Agnes) wieder ausgegraben, ins Innere der Tössemer Klosterkirche überführt und dort im Schwesternchor in einem neben dem Hochaltar errichteten Sarkophag beige setzt. Während fast 200 Jahren, bis zur Reformation, verblieb Elisabeths Grabmal am be - schriebenen Standort. Leider hat sich davon nur die Deckplatte erhalten. Sie ist aus grauem Sandstein gemeisselt und hat die Gestalt eines flachen Giebeldaches. Die vier Ecken sind mit den Symbolen der Evangelisten verziert, die Mitte der beiden Flächen zieren die zwei ungarischen Wappen schilde. Derjenige mit der Balkenun - terteilung stellt das Reichswappen Ungarns dar, der an dere mit dem Patriarchen kreuz das Wappen des Königsgeschlechts der Arpaden. Im Sommer 1525, nachdem aufgebrachte Bauern versucht hatten, das Kloster zu plündern, entfernten die vom Rat in Zürich entsandten Schutztruppen alle Heiligen aus der Kirche und übermalten die Gemälde im Chor. Auch Elisabeths Grabmal musste der Reformation wei chen. Der steinerne Sarg und die sterblichen Überreste der ungari schen Prinzessin sind seither ver schollen. Wir wissen aber, dass der Sarg eine eingemeis selte, la teinische Um schrift trug, die verdeutscht lautete: Im Jahre 1336, am 31. Oktober, starb Schwester Elisa beth, die berühmte Tochter des fürstlichen Herrn Andreas, des einstigen Königs von Ungarn, Schwester unseres Ordens, nach dem sie 28 Jahre in diesem Kloster Töss ein lobenswertes Leben geführt hatte. Sie ist hier neben dem grösseren Altar be stattet. 1598 tauchte wenigstens der Sarkophagdeckel wieder auf. Amtmann Thumysen liess ihn 1602 auf vier hölzernen Säulen erneut im Chor der Kirche aufstellen. Als 1704 die Klosterkir che umgebaut wurde, weil das Klosteramt nun zwei Drittel der Gebäudelänge als Getreide magazin zu nutzen gedachte, platzierte man die Grabplatte unter der Kanzel des neu einge richteten Kirchenraumes. Der Sarkophagdeckel wurde etwas in den Boden eingelassen und mit einem Holzdeckel geschützt. Weil die österreichische Kaiserin Maria Theresia die fürstlichen Gebeine aller in der Schweiz begrabenen Habsburger nach St. Blasien im Schwarzwald überführen lassen wollte, melde ten sich ihre Abgesandten am 2. Oktober 1770 auch beim Tössemer Klosteramtmann Kilchsperger. Dieser liess für die hohen Gäste den Schutzdeckel öffnen und die Grabplatte herausnehmen. Die Suche nach sterblichen Überresten der Prinzessin war sowohl an die sem Platz als auch am vormaligen im Getreidemagazin erfolglos. Die kaiserliche Kommis sion musste mit leeren Händen abreisen. Der Sarkophag deckel wurde wieder sorgfältig in den Boden eingelassen und blieb bis 1855 an der genannten Stelle unter der Kanzel. Damals, vor der Einweihung der reformierten Dorfkirche, musste auch die Ausräumung der Klosterkirche geplant werden. Nach dem Gottesdienst vom 20. Mai 1855 orientierte Pfarrer Corrodi den Stillstand (die Kirchenpflege), was der Kanton mit dem Grabmal der Elisabeth für Pläne habe und was er zu den einge reichten Vorschlägen meine. Die Finanzdirektion hielt die Tössemer-Idee, das Kunstdenkmal dem österreichischen Gesandten zum Kaufe anzubieten, für völlig un schicklich. Dagegen befürwortete der Kanton die Erhaltung des Grabmals und beauftragte das Bauinspektorat, dessen Verlegung zu veranlassen. Die Grab platte sollte entweder in der neuen Kirche oder auf dem neuen Friedhof einen würdigen Platz bekommen. Doch es kam anders! Das Kunstdenkmal wurde Privatbesitz von Fabrikant Heinrich Rieter-Ziegler (1814–1889). Ob der Fabrikherr den Sarkophagdeckel aus Pietät, aus historischem Interesse oder vielleicht aus ganz anderen Gründen erworben hat, ist unklar. Zu jener Zeit plante der Industrielle, seinen Wohnsitz von der Winterthu rer Altstadt, wo er bisher gewohnt hatte, näher nach Töss zu verlegen. Ab 1858 liess er im obe ren Brühl die Villa Brühlgut erbauen und gegen die Zürcherstrasse einen ausgedehnten Landschaftsgarten mit Teich anlegen. In diesem Park, in einer idyllischen Gartengrotte, fand der mittelalterliche Grabde ckel der Prinzessin Elisabeth von Ungarn auf ei nem neugotischen Sockel eine neue Bleibe. Die Präsentation des mittelalterlichen Kunstwerkes in freier Natur, an einem von der Witte rung ungeschützen Ort, war nicht optimal. Aber romantisches Erschauern wurde da mals schwerer gewichtet, als besorgter Kulturgüterschutz. Doch die Weichen für eine ge schichts bewusstere Denkweise waren bereits gestellt. Landesweit erwachte das Interesse an Altertü mern, und am 25. Juni 1898 wurde in Zürich das Schweizerische Landesmuseum eröffnet. Aus diesem Anlass wechselten zahllose Kunstdenk mäler aller Art aus Pri vatbesitz in die Sammlungen dieses Museums. Selbstverständlich gehörte auch die Familie Rieter zu den Do natoren. Die Söhne des inzwischen verstorbenen Heinrich Rieter vermachten dem neu gegründeten Museum die kostbare Grabplatte der Prinzessin Elisabeth von Ungarn sowie einen Inschriftsstein aus dem ehemaligen Klosterkreuzgang. Um sicher zu stellen, dass den Kunstschätzen nicht im letzten Augenblick noch etwas zustosse, baten sie das Landesmu seum für die Vorbereitung der Überführung einen Fachmann nach Winterthur abzuordnen und fügten bei: Es dürfte wohl am besten sein, wenn wir Ihnen dann beide Gegenstände mittelst Fuhrwerk direct bis zum Landesmuseum bringen lassen. Im Landesmuseum wird die Grabplatte heute wohl wenig beachtet. Sie ist aber ausgespro chen leicht zu finden: Wer am Ende der Eingangshalle nach rechts abbiegt, steht gleich beim Eintreten in den ersten Ausstellungsraum vor dem gesuchten Objekt. Um den Betrachtern einen Ein druck des urspünglichen Sarkophags zu geben, wurde die Grabplatte wieder mit einem Unterbau ergänzt, einer verkleiner ten Kopie des sich noch immer in Königsfelden be findlichen Sarkophages König Albrechts I. Die kunstvoll gearbeiteten Sandsteinplatte mit ihrem Rankenwerk, den Evangelistensymbo len und den fürstlichen Wappenschilden lenkt unsere Aufmerksamkeit für eine kurze Zeit auf jene Prinzessin Elisabeth von Ungarn, die in den Macht spielen der Welt leer ausging, an Krankheit und Heimweh litt und im klösterlichen Glauben ihr Leben beschloss (R. H. Oehninger). Das Doppel kreuz ihres königlichen Wappens lebte weiter im Tös semer Klosterwappen. Das zürcheri sche Klosteramt Töss verwendete das Zeichen auch nach der Reforma tion bis zur französi schen Revolution. Und 1921, ganz knapp vor der Eingemein dung, fand das ungarische Kreuz Aufnahme in das damals neugeschaffene Gemeinde wap pen von Töss. Am 31. März hat das Ehepaar Szabò mit einer weissen Rose auf eindrückliche und nicht alltägliche Art seine persönliche Verbundenheit mit der letzten Nachfahrin des einstigen un garischen Königsgeschlechtes gezeigt. Wer von Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, hätte dem silbernen ungarischen Kreuz auf rotem Grund im unte ren Teil des Tössemer Wappens diese Anziehungskraft zugetraut!
 

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