Projekt Töss: Beharrlich weiterarbeiten

projekttoesslogokleinAm 2. Oktober wurde das «Projekt Töss» durch die städtischen Behörden mit einer Schlussveranstaltung und einem Fest im Zentrum Töss offiziell abgeschlossen. Rund sieben Jahre nachdem an dieser Stelle erstmals ein umfassendes Entwicklungsprojekt für Töss gefordert worden war. Im Tössemer vom November 2010 zieht Matthias Erzinger eine vorläufige Bilanz.

Was hat die siebenjährige Knochenarbeit gebracht? Auf den ersten Blick überraschend viel. Ganz grundsätzlich hat der Stadtteil gewonnen. Bei vielen städtischen Stellen ist das Verständnis für die Anliegen aus Töss gestiegen. Natürlich bedeutet Verständnis alleine noch nicht, dass alle Wünsche einfach umgesetzt werden können, aber sie werden ernst genommen und es werden Lösungen gesucht. Ein Beispiel dafür sind u.a. die Haltung der Stadt bezüglich der Verlängerung der Öffnungszeiten des «Burger Kings» oder bezüglich der Eindämmung des Sexgewerbes.

Auch das Image von Töss hat sich stark geändert. Natürlich ist es übertrieben, wenn eine Immobilienfirma heute eine Wohnung in einem Block an der Dammstrasse als Wohnung im Trend-Quartier-Töss ausschreibt. Aber es zeigt, dass ein Wechsel in der Wahrnehmung stattgefunden hat. Schliesslich wurde durch das Projekt Töss der Zusammenhalt und der Austausch innerhalb des Quartiers verstärkt. Die Töss-Lobby ist der Ausdruck davon.

Als das «Projekt Töss» durch die Stadt lanciert wurde, stand am Anfang eine Zukunftswerkstatt, an der die Tössemer ihre ganz konkreten Verbesserungswünsche präsentierten und priorisierten. Auch auf dieser konkreten Ebene wurde in der kurzen Zeit relativ viel erreicht. Beinahe schon unglaublich schnell gelang die Verwirklichung des Gemeinschafts zentrums im Bahnhof, die Schaffung der lokalen Anlaufstelle der Quartierentwicklung und die provisorische Nutzung des Güterschuppens für Ausstellungen, Konzerte und weitere Anlässe aus dem Quartier. Diese Punkte hatten die Wunschliste der Tössemerinnen und Tössemer angeführt. Konnten Projekte nicht umgesetzt werden, so zeigte die Stadt die Gründe dafür auf, oder sie legte dar, wie die Umsetzung noch erfolgen soll. Dies nun aber im Rahmen der normalen städtischen Tätigkeiten. Also Friede, Freude, Eierkuchen – und gegenseitiges Schulterklopfen? Natürlich nicht. Die zwei Kernprobleme, nämlich die Zerschneidung des Quartiers durch die Zürcherstrasse und das unattraktive Zentrum Töss sind ungelöst – und werden dies auf Jahre hinaus auch bleiben. Spürbar war auch, dass sowohl auf der Seite der Behörden, wie auch auf Seiten der Bevölkerung die «partizipative Quartierentwicklung » noch weiter geklärt werden muss. Das offizielle «Projekt Töss» der Stadt Winterthur ist beendet. Das «Projekt Töss» der Bevölkerung ist es noch lange nicht.

Die Umgestaltung der Zürcherstrasse darf – zumindest im Bereich des Zentrums – nicht auf die lange Bank geschoben werden. Hier hat der Stadtrat geltend gemacht, zuerst müsse nun das städtische Gesamtkonzept für die Einfallsachsen erstellt werden. Das ist materiell sicher richtig – überraschend aber ist auch, das erst jetzt daran gedacht wird. Die Attraktivität des Zentrums muss rasch verbessert werden. Hier muss versucht werden, – und dies ist vermutlich nicht Aufgabe der Stadt – ähnlich wie beim Lagerplatz-Areal einen Investor oder eine Gruppe zu finden, die der Familie Erb in Zusammenarbeit mit der Stadt ein Angebot machen kann, das für beide Seiten einen Nutzen generiert. Dazu ist viel Kreativität und Beharrlichkeit (vielleicht sogar etwas Sturheit) notwendig.

Und schliesslich: Entwicklung ist ein andauernder Prozess. Dies heisst, dass wir Töss jetzt schon wieder weiter denken müssen und nicht auf den Resultaten der letzten sieben Jahren ausruhen dürfen oder passiv auf deren Umsetzung warten können. Zum Beispiel in Bezug auf den Individualverkehr in den Quartierstrassen, zum Beispiel in Bezug auf eine stärkere Einbindung von Immigrantinnen und Immigranten, zum Beispiel in Bezug auf neue Formen der Naherholung und die dazu notwendigen Räume und Angebote, zum Beispiel in Bezug auf das Angebot des öffentlichen Verkehrs.

Auch die demokratischen Mittel zur Mitwirkung in Planungs- und Entwicklungsprozessen müssen weiterentwickelt und angepasst werden. Dies bedeutet nicht zwingend überall und in jedem Fall ein Ausbau der Mitwirkungsmöglichkeiten der Bevölkerung. Aber möglicherweise bilden die Erfahrungen im offiziellen «Projekt Töss» eine Basis, auf der weiter gearbeitet, weiter nachgedacht werden kann. Diese Knochenarbeit ist genauso wichtig wie vor 7 Jahren.

Zuletzt aktualisiert am Montag, den 06. Dezember 2010 um 19:58 Uhr
 

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