Rätselraten ums Albanifest
famkaylan_kl.jpgElif und Sakir Kaylan haben sich als kurdische Flüchtlinge in Italien kennengelernt, haben Jahre später in der Schweiz eine gemeinsame Zukunft aufgebaut und sind heute mit ihren vier in der Schweiz geborenen Kindern stolze Bürger von Winterthur. Im Eichliackerquartier fühlen sie sich richtig wohl, aber Heimweh nach der Türkei haben sie manchmal dennoch. Elif und Sakir haben sich als kurdische Flüchtlinge in Italien kennengelernt, haben Jahre später in der Schweiz eine gemeinsame Zukunft aufgebaut und sind heute mit ihren vier in der Schweiz geborenen Kindern stolze Bürger von Winterthur. Im Eichliackerquartier fühlen sie sich richtig wohl, aber Heimweh nach der Türkei haben sie manchmal dennoch.
«Die Schweizer sind schon komisch», hatte Elif sich lange gewundert, «da reden sie am Stammtisch oft schlecht über die Albaner und dann feiern alle ausgelassen ein Albanifest.» Was es mit diesem Albanifest auf sich hatte, konnten ihr weder Nachbarn noch Freunde schlüssig erklären. Erst beim Lernen
auf den Einbürgerungstest wurde das Rätsel gelöst und Elif musste über sich selber schmunzeln. Den Einbürgerungstest haben sie und ihr Mann gerne gemacht: «Wir haben so viel über die Schweiz gelernt, das ist toll.» Und so können sie jetzt ihren Kindern beim Lernen der Schweizer Flüsse, Seen, Bundesräte oder anderem problemlos helfen.
Neues lernen macht ihr Freude
Etwas Neues lernen macht der wissbegierigen Elif sowieso Spass. In der Türkei fehlte nach ihrem Maturaabschluss ihren Eltern das Geld, sie auf die Universität zu schicken. Und nachdem die Familie in die Schweiz geflohen war, arbeitete Elif zuerst drei
Jahre im Wallis in einer Textilfabrik und besuchte abends einen Französischkurs. Nach dem Umzug in die Deutschschweiz arbeitete sie als Pflegeassistentin und besuchte Deutschkurse. Doch die erste Zeit im Praktikum im Kantonsspital Winterthur war hart: Alle um sie herum sprachen schweizerdeutsch.
Das empfand sie als schwierig. Sie wechselte die Stelle und fing in einem Altersheim an zu arbeiten. «Die älteren Leute hatten Zeit, Geduld und Freude, mir Schweizerdeutsch beizubringen», erinnert sich Elif gerne zurück. Heute ist die Verständigung kein

famkaylan.jpgEinbürgerungstest beendet Rätselraten ums Albanifest

Problem mehr. Ihre drei schulpflichtigen Kinder
wechseln fliessend zwischen schweizerdeutsch, das
sie mir ihren Freunden sprechen und kurdisch, das
zu Hause gesprochen wird. Dennoch: Wenn die Kinder
etwas grösser sind, will Elif ihr Hochdeutsch unbedingt
noch weiter verbessern. Und wieder teilzeit
arbeiten. Denn als das vierte Kind unterwegs war,
hat Elif ihre Teilzeitstelle im Spital aufgegeben.
Der Fünfjahresplan
Ihr Mann Sakir hatte in der Türkei Schlosser gelernt. Doch die Ausbildung war in der Schweiz nicht anerkannt und so arbeitete er zuerst jahrelang als Hilfsschlosser, dann als Gipser und heute als Plakatanschläger. Kennengelernt haben sich die beiden
in einem Auffanglager für kurdische Flüchtlinge bei Como. Beide waren dort für ein paar Wochen mit ihren Eltern und Geschwistern stationiert. Die beiden Väter kannten sich, kamen sie doch aus Nachbardörfern in der Türkei. Als Elif dann mit ihrer Familie ins Wallis ging und Sakir nach Zürich, blieben sie in
Kontakt. Ohne Trauschein zusammenziehen kommt in der kurdischen Kultur nicht in Frage und so heirateten die beiden. «Wir beschlossen, fünf Jahre lang keine Kinder zu haben, um einerseits uns besser kennenzulernen und andererseits Geld für eine Familiengründung zu sparen», erklärt Sakir.
Das Ehepaar Kaylan ist sehr zufrieden mit dem, was sie erreicht haben, obwohl der Weg nicht einfach war und sie oft auch mit Vorurteilen konfrontiert worden sind. Sie sind glücklich in Töss und fühlen sich hier zuhause. Aber ein bisschen Heimweh haben sie hie und da dennoch. Doch als sie nach 15 Jahren zum ersten Mal wieder die Türkei besuchten, sei alles anders geworden, das Land wie auch die Leute. «Die Leute haben sofort gemerkt, dass wir aus Europa kamen», erinnert sich Sakir. Und Elif fügt nachdenklich hinzu: «Uns wurde bewusst, dass wir sowohl in der Schweiz wie auch in der Türkei als Ausländer betrachtet werden.»
Kulturellen Reichtum geniessen
Doch Trübsal ist nicht der Kaylans Ding. Sie schätzen sich reich, und zwar reich an kulturellen Schätzen: «Wir haben die Möglichkeit, das Schöne aus zwei Kulturen zusammenzuführen.» Elif schätzt besonders die Möglichkeiten, welche Frauen in der Schweiz offenstehen. Und das politische Mitspracherecht der Bevölkerung ist für die gebürtigen Kurden unvorstellbar wertvoll: «Wir gehen bei jedem Urnengang abstimmen», betonen sie. Wenn sie nicht genau verstehen, um was es geht, lassen sie sich die Sachlage von ihren Schweizer Freunden erklären. Und was bereitet ihnen nach all den Jahren in ihrem neuen Heimatland immer noch Mühe? «Hier geht nichts ohne Termin», kommt die Antwort postwendend. Ohne Voranmeldung einfach bei jemanden zu Besuch gehen, sei hier nicht üblich. Undenkbar
in ihrer Kultur ist es, zu sagen, man hätte jetzt für einen Besuch gerade keine Zeit. Schade finden sie auch, dass sich in der Schweiz die Nachbarn oft kaum kennen. Den Kaylans geht das nicht so: Als sie neu nach Töss zogen, haben sie die Nachbarn eingeladen und pflegen nun einen freundnachbarschaftlichen Kontakt: Ein Herr bringt ihnen jeweils
seine Zeitung, wenn er sie fertig gelesen hat, Elif verteilt Selbstgebackenes in der Nachbarschaft und ab und zu werden Nachbarn zum Schwarztee oder «Kafi» eingeladen – auf Vorankündigung natürlich, oder manchmal sogar spontan.
Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 11. Juni 2008 um 22:39 Uhr
 

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