Der Traum vom Hackbrettspielen
r_ebneter.jpgRosmarie Ebneter macht in ihrem Leben vieles, was ihr und ihrer Familie, den Freunden und Bekannten Freude macht. Sie wurde 1935 an der Einfangstrasse 22 geboren und hatte nie eine andere Adresse. Ihr Leitspruch ist: Man muss nicht alles können – aber das, was man macht, soll man gut machen! Ihr Traum ist es, Hackbrett zu spielen. Bettina Erzinger hat sie besucht.

Die Stube erzählt von Rosmarie Ebneters vielen Interessen und Hobbies: Da sind die neun verschiedenen Akkordeons und Schwyzerörgeli – das Kleinste in einer Einkaufstasche und immer schnell zur Hand. Kunstvolle Marionetten zeugen von den geschickten Händen ihrer Schöpferin und das Hexlein auf dem Besen hat rund 400 Geschwister, die von Töss in die ganzeWelt geflogen sind. Das Zimmer im oberen Stock ist von ungefähr 50 gestrickten Kasperlifiguren bewohnt. Darauf ist Rosmarie Ebneter durch ein Geschenk ihrer Schwiegertochter gekommen: diese schenkte ihr die Figur «Fee Sonnenschein». Darauf versuchte die talentierte Strickerin, selber weitere Figuren zu kreieren: neben Kasperli und Seppli finden sich da auch Löwe, Esel, Kuh und ein Polizist – nur kein Krokodil.
Theaterspielen für sich und ihre Lieben
Viele zu ihren Figuren passende Theaterstücke spielte Rosmarie Ebneter ihren Enkeln und Nachbarskindern vor. Während die Erwachsenen im Zuschauerraum auf Sesseln Platz nahmen, machten es sich die Kinder auf dem Tischchen und am Boden bequem. Rosmarie Ebneter hängte den Vorhang vor die Verbindungstüre zum Nebenzimmer und die selbstgenähte Kulisse wurde befestigt. Natürlich durften die Kinder auch selber ausprobieren. Schon im Kindergartenalter sagten die Schwestern: «Rosmarie, mach Radio!». Dann stellte sie einen Sessel in die Nische zwischen der Kommode und dem Öfeli, kauerte sich dahinter und gab als unsichtbare Radiosprecherin alle im Kindergarten gelernten Lieder und Versli zum Besten.
Später war Rosmarie Ebneter begeisterte Fasnächtlerin. Als Unterhalterin ist sie mit ihren Sketches an vielen Anlässen gefragt. Sie kann die verschiedensten Rollen spielen, einfach weil sie so viel den Leuten zugeschaut hat und als gute Beobachterin die komischen Seiten der Menschen liebevoll hervorheben kann.
35 Jahre Samichlaus
Diese Fähigkeit kam ihr auch als Samichlaus gelegen – 35 Jahre lang ein gemeinsames Hobby des Ehepaares Ebneter: Sie als Samichlaus und er als Schmutzli. Für ihren ersten Auftritt kaufte sie sich ein Chlauskostüm. Dieses ging aber in der chemischen Reinigung verloren und sie erhielt eine Entschädigung dafür. Aus diesem Geld erstand sie bei Firma Thalmann den roten Samt für den Samichlaus und den braunen Manchester für den Schmutzli und nähte daraus Deluxe-Unifomen. Ob bei befreundeten Familien im Quartier, in der Kindergartenklasse ihrer Schwiegertochter oder beimAltersturnen – immer liebte sie es, den Menschen zuzuhören und sie mit ihrem Spiel zu verzaubern. Nur die Enkel merkten, dass der Samichlaus das Grosi war.
Einmal waren sie zu einem Klausbesuch in Turbenthal und wollten mit dem Zug nach Hause.Am Bahnhof trafen sie auf zwei taubstummeMänner, die sich über Samichlaus und Schmutzli freuten. Noch heute tut es Rosmarie und Karl Ebneter leid, dass sie keine einzige Nuss mehr im Sack hatten.
Vom Leben gelernt
Mit viel Geschick und mit Freude am Improvisieren fand Rosmarie immer wieder einenWeg, sich in verschiedensten Lebenslagen zurecht zu finden. Nach der Sekundarschule machte sie eine Lehre als Damenschneiderin an der Gewerbeschule. Sie erinnert sich gerne an die Zeit, als sie mit 14 andern jungen Frauen schulterfreie Abendkleider für alleinstehende aber vermögende Gewerbschullehrerinnen nähte. Als ihre Lehrerin längere Zeit krank war, durften die Lehrtöchter selber Modelle und Stoffe auswählen und nähen, wozu sie Lust hatten. Diese Freiheit spornte die angehenden Schneiderinnen zu Höchstleistungen an. Rosmarie Ebneter nähte sich ihren Konfirmandenjupe und eine Seidenbluse. Kochen und Haushalten lernte sie von der älteren Schwester. Da sie ihre Mutter früh verloren hatten, musste sie den Haushalt für ihren verwitweten Vater führen.
Als sie vor 54 Jahren heiratete, zog Karl Ebneter von der Zelglistrasse an die Einfangstrasse. Sein Hab und Gut, die Kleider und dasMilitärzeugs hatten auf einem Leiterwägeli Platz.
Als die beiden Kinder noch klein waren, arbeitete Karl als Spinnereimaschinenmonteur oft im Ausland. Rosmarie begleitete ihn nach Holland, Österreich und Deutschland. Hier lebte sie in so bescheidenen Verhältnissen, dass ihr bei der Rückkehr nach einigen Monaten Töss wie das Paradies vorkam. Bis zur Pensionierung arbeitete Rosmarie Ebneter 27 Jahre in der Bibliothek im Zentrum Töss. Schon damals musste die Ausleihtheke verschoben werden, weil Wasser durch das undichte Flachdach in die Räume tropfte. Zum Zentrum vertritt sie denn auch eine eindeutige Haltung: «abreissen!»

Musik für sich und ihre Umgebung
Rosmarie Ebneter.jpg Eigentlich wollte Rosmarie Ebneter Klavier lernen und lange konnte sie es nicht begreifen, dass ihre Eltern nicht genug Geld dafür hatten. So begann sie dann doch Handorgel zu spielen.AmAnfang war die acht Jahre ältere Schwester ihre Lehrerin. Nie musste die Mutter die Mädchen zum Üben auffordern, sie spielten sooft sie konnten. Nach einem Jahr konnte die Dreizehnjährige dann im Akkordeonclub Baur mitspielen.
Zusammen mit ihrer Schwester spielte sie Tanzmusik, sie nannten sich «Echo vom Schuppetännli» (J.C. Heer nannte den Ebnet «Schuppetännli»). Sie komponierte auch eigene Stücke, so zum Beispiel den Tössemer Dorfet-Marsch.
Ihr Mann Karl geniesst das musikalische Talent seiner Frau als Zuhörer und Sänger. Als er in den Turnverein eintrat, gehörte dort das Singen noch obligatorisch zum Vereinsleben. Nach seiner Zeit als Turner hat der dann auch noch 20 Jahre im Sängerbund Töss mitgesungen. Für Rosmarie Ebneter war es überall und jederzeit möglich, aufzuspielen. Am Schweizerischen Turnfest in Winterthur spielte sie auf dem Heimweg nachts im Bus. Sie staunte nicht schlecht, als sie zu Hause, ihre Tasche auspackte und 6.85 Franken Trinkgeld fand, die ihr die Turner unterwegs zugesteckt hatten.
Auch nach der Knieoperation nahm sie ihr Örgeli nach Zurzach mit. Es gelang ihr damit nicht nur die eigene Zeit zu vertreiben, sie konnte auch Mitpatientinnen trösten und aufmuntern. Der Oberarzt scherzte, er wolle mit der Krankenkasse verhandeln, damit ihr ein längerer Kuraufenthalt bezahlt werde. Als ihre Schwester schwer krank war, wussten die beiden oft gar nicht, was sie einander noch sagen sollten. Dann haben sie ihre Orgeln genommen und miteinander musiziert. Manchmal spielt Rosmarie Ebneter zur Erinnerung an die Schwester und dann kommen ihr die Tränen, aber sie spielt weiter. Sie sagt: «Wir wussten, dass man einfach nie aufgeben darf.»
Rosmarie Ebneter ist vielseitig begabt. Sie hat ihre Fähigkeiten für sich und ihre Mitmenschen immer weiterentwickelt. Sie ist eine energie- und emotionsreiche Frau mit grosser Lebenserfahrung, eine «Fee Sonnenschein» – eine richtige Tössemerin!
Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 22. August 2008 um 11:44 Uhr
 

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