Mit 21 Jahren das eigene Blumengeschäft eröffnet
brotzer_klein.jpgRahel Brotzer hat sich mit dem «Bluemelade Töss» einen Kindheitstraum verwirklichte. Nun hat sie ihr Geschäft über die Zürichstrasse gezügelt und Regina Speiser hat sie dort besucht.
Ein Telefon klingelt  im Treppenhaus. «Das ist Eures», ruft Marta Stahl, die vom Keller raufkommt.Rahel Brotzer und ihre Schwester Manuela Gautschi, die gerade Blumengestecke anfertigen und miteinander plaudern, halten kurz inne, schauen sich über den Tisch hinweg an und dann eilt Manuela los. Da geht die Ladentüre auf und eine Kundin betritt das Blumengeschäft. Rahel Brotzer geht nach vorn in den Verkaufsteil und erkundigt sich nach den Wünschen der Kundin.
Die junge Geschäftsinhaberin liebt es, «wänn’s lauft». Kunden beraten, auf dem  Blumenmarkt einkaufen, Blumen für Sträusse und Gestecke von unnötigen Blättern  befreien und auf die gewünschte Höhe zuschneiden, Sträusse zusammenstellen,  Festgestecke anfertigen, Bestellungen ausliefern – Rahel Brotzer liebt ihre  Arbeit. Sie probiert auch gerne immer wieder mal etwas Neues aus. So bietet sie  auch Geschenkkarten an, deren Motive sie selber fotografiert und gemeinsammit  ihremFreund am Computer bearbeitet hat. Sie verkauft Weine einer befreundeten  Winzerfamilie aus Neftenbach mit der Idee: Blumenmitbringsel für die  Gastgeberin, Wein für den Gastgeber. Daneben hat sie Kerzen neu im Sortiment und  nimmt Wäsche für die Reinigung entgegen. Beide Angebote hat sie von der Drogerie  Stahl übernommen, deren Räumlichkeiten sie Mitte August bezogen hat. Die  Schnittpunkte mit der Hauseigentümerin betreffen aber nicht nur Produkte,  Dienstleistungen und Geschäftslokal: Hin und wieder ist auch Marta Stahl selber,  die Ende Juni ihr Geschäft aufgegeben hat, im Blumengeschäft anzutreffen, hilft  aus, wenn viel los ist und Schwester oder Mutter Brotzer grad nicht einspringen  können. Die ehemalige Drogeriebesitzerin liefert auch schon mal einen  Blumenstrauss einer Kundin nach Hause. «Wenn Marta dann lange weg ist, weiss  ich, dass sie noch für einen Schwatz oder ein Kafi bei ehemaligen Kundinnen  hängengeblieben ist», schmunzelt Rahel Brotzer.
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Warum ist sie mit ihrem Blumengeschäft von «ennet der Zürcherstrasse» auf die  gegenüberliegende Seite gezogen? In der Liegenschaft, in der der «Bluemelade  Töss» jahrelang eingemietet war, habe es einen Besitzer- und Verwalterwechsel  gegeben. Zuletzt hatte die junge Unternehmerin nur noch einen Mietvertrag für  ein halbes Jahr. «Da weisst Du einfach nicht, was demnächst passiert.» So fragte  sieMarta Stahl, ob sie imNotfall den freien Raum hinter dem Verkaufsraum der  damaligen Drogerie haben könne. Denn sie wollte unbedingt in Töss bleiben: «Hier  gefällt es mir sehr.» EineWeile später sei dann Marta auf sie zugekommen und  habe sie gefragt, ob sie den ganzen Verkaufsraum haben wolle, weil sie  beabsichtige, die Drogerie zu schliessen (siehe Tössemer:Ausgabe Juni 2008). Sie  habe sich «die Züglete» angesichts der letzten paar Geschäftsjahre, die leicht  rückläufig waren, schon gut überlegen müssen, denn so ein Umzug kostet ja auch  Geld. Sie habe dann aber auf ihr «Bauchgefühl » gehört und gemerkt: «Mir tut’s  gut, nach acht Jahren am selben Ort wieder mal etwas Neues zu machen.» Die neue  Ladenfläche ist zwar in etwa gleich gross, aber anders aufgeteilt und der  Standort sei besser.

Als die gerade ausgelernte Blumenhändlerin im Jahr 2000 im Kollegenkreis  erzählte, sie übernehme einen Laden in Töss, hätten alle gerufen: «Was, Du  willst ausgerechnet nach Töss?» Eine Beziehungzu Töss hatte sie ja keine.  Aufgewachsen war sie in Seuzach, in einem Blumengeschäft in Seen hatte sie die  Lehre absolviert und anschliessend ein Jahr in Oberwinterthur gearbeitet. Doch  Töss gefiel ihr und vor allem hatte ihre Vorgängerin ja bereits einen  angesehenen Kundenstamm und das wusste sie als Jungunternehmerin zu schätzen.  Und bereut hat sie es nie. Sie liebt den Kulturenmix in diesem Stadtteil. Im  Jahr 2000, da war Rahel Brotzer gerade mal 21 Jahre alt. Von einer Kollegin  hörte sie, dass die Inhaberin des Blumengeschäftes in Töss aufhöre. Ihre Chance  war gekommen, da war sie sich sofort sicher. Schon im Alter von zehn Jahren habe  sie davon geträumt, einen eigenen Blumenladen zu haben, «wänn ich dänn mal gross  bin.» Dass sie so schnell «gross» würde, hatte sie sich allerdings nicht  vorgestellt. Das Startkapital für die Anfangsinvestitionen hatte sie sich  bereits zusammengespart. Sie wohnte zu jenem Zeitpunkt noch zu Hause bei den  Eltern. Sie besprach sich mit den Eltern und die Familie unterstützte ihr  Vorhaben. Noch heute spielt ihre Familie eine wichtige Rolle in ihrem Leben:  Schwester Manuela, von Berufes wegen Offsetdruckerin, hilft meist donnerstags,  nach der Lieferung des «Holländers», Blumen «putzen », einfache Gestecke  vorbereiten und Sträusse liefern. Mutter Brotzer, gelernte Gärtnerin, macht die  Buchhaltung und hilft ebenfalls im Hintergrund wie auch der Vater, auch er  Offsetdrucker, der ab und zu als Kurier einspringt, wenn die Feiertage das Blumengeschäft ankurbeln.

brotzer2.jpgRahel Brotzer hat es nie bereut, sich so früh selbständig zu machen. Wenn es mit  21 nicht geklappt hätte, wäre ja noch Zeit genug gewesen, sich wieder anstellen  zu lassen. Einzig das frühe Aufstehen, um den Blumeneinkauf zu erledigen, vor  allem in der Vorweihnachtszeit, macht ihr Mühe. «Ich bin kein Morgenmensch.» Und  gerade der Einkauf sei ja fast das Schwierigste in ihrem Geschäft, vor allem  wenn die Kundschaft grössere Bestellungen nicht im Voraus anmelde. Mal sei sie  schon früh am Nachmittag «ausgeschossen», andere Tage bleibe sie auf den Blumen  sitzen. Bleibt bei so langen Arbeitstagen noch Zeit und Musse für Hobbies und  Freunde? «Mein Privatleben ist nicht gerade spannend: Im Sommer lese ich gern.  Auf dem Balkon.» Und vor ein paar Jahren sei sie oft noch «in den Ausgang», aber  mittlerweile zieht sie ruhige Abende zuhause vor. Hin und wieder ein  Konzertbesuch oder im Sommer Openairs. Oder die Schwester zum Znachtessen  ausführen. «Damit ich ihr weiter im Laden helfe», schmunzelt Manuela Gautschi,  geniesst es aber sichtlich, der Schwester zur Hand gehen zu können.
Zuletzt aktualisiert am Montag, den 29. Dezember 2008 um 11:10 Uhr
 

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