Loben muss man, tadeln darf man

chlausDer Jahreszeit entsprechend hat Regina Speiser für den Tössemer Christian Tanner besucht; er ist der Obersamichlaus der Nikolaus Gruppe St. Josef Töss. Das folgende Portrait erscheint in der Rubrik «Menschen aus Töss»:

Als die Tür sich öffnet, liege ich auch schon fast auf dem Boden: Mit Sherlock Holmes’ stürmischem Empfang habe ich beim Obersamichlaus von Töss nicht gerechnet.

Statt mit einem langgezogenen I-AAA werde ich mit einem Bellen eines fröhlich wedelnden, weichen Wollknäuels in grau-weiss Tönen in der Grösse eines Miniesels begrüsst.«Ruhig, Sherlock», sagt Christian Tanner – oder ist das etwa Dr. Watson? «Haben Sie Angst vor Hunden?», hör ich den Obersamichlaus fragen, während dieses Energiebündel auf vier Pfoten auf und ab springt. Ich werte es als eine rhethorische Frage und erkundige mich nach dem Verbleib des Esels.Doch Christian Tanner winkt ab. «Viel zu aufwändig». Den Kindern erzählen Samichlaus und Schmutzli zwar jeweils, dass sie den Esel in einem Stall am Waldrand gelassen haben, da dieser Angst vor der Stadt habe. Was sie verheimlichen ist, dass der moderne Chlaus und Schmutzli mit einem motorisierten, vierplätzigen «Esel» kommen. Dieser wird von einem Fahrer unweit vom Besuchsort um die Ecke parkiert. Damit der Fahrer beim Warten auf seine Herrschaft nicht friert, fährt er jeweils zum nächsten Besuchsort und holt dort schon mal die von den Eltern versteckten Geschenke für das nächste Besuchskind ab. «Wir haben noch immer alle Geschenke gefunden », ist Tanner froh, der auf eine rund zwanzigjährige Karriere im Chlausen zurückblickt.


Keine Drohung mit der Fitze

Seit fünf Jahren ist Christian Tanner für die Organisation der Samichlausbesuche in Töss zuständig. Administrativ unterstützt wird er von Gerda Oetiker Begonnen hat er zu einer Zeit, als seine eigenen vier Kinder, die mittlerweile alle erwachsen sind, noch an den Samichlaus glaubten. «Zuerst macht man ein Jahr als Fahrer und Schmutzli mit», erklärt er die Karriereleiter. Dies nicht etwa aus hierarchischen Gründen wie in der beruflichen Realität, sondern aus ideologischen: «Wir wollen keine polternden Samichläuse sein und mit der Fitze drohen.» Die Nikolaus Gruppe St. Josef Töss hat sich dem Leitsatz verpflichtet: «Loben muss man, tadeln darf man.» Und das wollen sie neuen Chläusen in einem Einführungsjahr eben erst mal zeigen. Die Nikolaus Gruppe ist der katholischen Kirche angegliedert, daher auch die bischöfliche Bekleidung. Doch die Besuche finden überkonfessionell statt. Tanner und einige Mitglieder der Gruppe selber sind reformiert.

«Chlaus ist Mangelware», bedauert Christian Tanner. Momentan sind sie 24 Männer und Frauen, die in Dreierteams an vier Tagen die Kinder in Töss besuchen. In Ausnahmefällen fahren sie auch in die Region hinaus, wenn eine Familie aus Töss wegzügelt und gern noch mal die Tössemer Chläuse wünscht. Grundsätzlich wollen die Tössemer ihre Kollegen aus der Region aber nicht konkurrenzieren. Wenn es sich organisieren lässt, so wird beim Einteilen der Gruppen darauf geachtet, dass sie nicht mehr als vier Besuche pro Abend absolvieren, denn die einzelnen Auftritte seien anstrengend, wenn man auf die Kinder eingehen wolle. Oft wüssten die Chläuse ja nur, was auf dem Zettel der Eltern steht, etwa: «Streitet mit Bruder; räumt nicht auf; sollte Windeln ablegen oder auch Positives wie: isst schön, kann sich selber anziehen.» Der Nikolaus Gruppe ist es wichtig, dass der Chlausbesuch für die Kinder ein schönes Erlebnis ist. Darum versuchen sie die ihnen oft unbekannten Kinder mit Fragen besser kennen- und einschätzen zu lernen: «Was spielst du am liebsten? Zeig mir doch mal dein Zimmer. Spielst du ein Instrument und hast du Lust, mir etwas darauf vorzuspielen?»


Probleme mit dem Bart
Manchmal ist die Aufmunterung, das Kinderzimmer anzuschauen, auch reiner Selbstschutz vom Chlaus, etwa dann, wenn er von den Eltern neben das gemütlich flackernde Cheminée feuer platziert wird und der Schweiss ihm nur so runterläuft. Mit dem Kostüm gibt es einige Tücken zu bewältigen: Der bodenlange Rock macht den Männern auf engen, steilen Treppen so manches Mal zu schaffen. «Nicht ganz einfach, da noch würdevoll zu erscheinen», erinnert sich Tanner schmunzelnd an eigene Erfahrungen. Auch der lange Bischofsstab und die hohe Mitra, die traditionelle Kopfbedeckung, kommen den Hobbychläusen je nach Höhe des Türrahmens oder der Zimmerdecken manchmal etwas in die Quere. Die jahrelangen Probleme mit dem Bart haben sie nun gelöst: Die früheren Nylonbärte, kompakt mit Schnauz dran, alles in einem Stück und einzig mit einem unangenehmen Gummizug um die Ohren hatten jeweils in der Nase gekitzelt und diese wund gescheuert. Nach zwei, drei Jahren mussten die Nylonvarianten ersetzt werden. Die neuen längeren, wallenden Bärte aus Kunsthaar dagegen halten viel länger und sehen viel besser aus. Der Bart wird dank eines Kinnschutzes abgestützt und rutscht so nicht mehr Richtung Nase. Es hat zwei Gummizüge um den Kopf herum statt um die Ohren, und der Schnauz wird separat aufgeklebt.

Die liebevolle Beschreibung der Vor- und Nachteile eines Chlausbartes zeigen, wie gerne sich Christian Tanner für diesen Brauch einsetzt. «Ich arbeite gerne mit Kindern zusammen.» So war er denn auch lange Pfadiführer und unterrichtet heute, neben der Arbeit in seiner eigenen Firma, als Berufsschullehrer Informatikklassen in den Grundlagen der Elektronik. Selber springt der Obersamichlaus nur noch in Notfällen ein. Seit ein paar Jahren brauche er eine starke Brille. Mit Bart und Perücke laufe diese leider an. Und ohne Brille kann er die Zettel der Eltern, die im grossen Buch für den Chlaus zum Ablesen bereit liegen, kaum mehr lesen, es sei denn, er vergrössere die Schrift enorm. Auch wenn er nur noch selten in die Rolle von St. Nikolaus schlüpft, so frönt er seiner Schauspielleidenschaft weiterhin in der Theatergruppe Nägelsee. Und während Sherlock Holmes beim Hundecoiffeur Haare lassen musste, lässt sich sein Dr. Watson aktuell einen Bart wachsen. Nicht für den Chlaus, aber für seine Rolle als Rabbi im neuen Stück «Der Tag als der Papst gekidnapped wurde.»

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 22. November 2011 um 17:27 Uhr
 

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