9904 w grossAm 18. September 1999 starb im Krankenheim Wlflingen Walter Gross. Der in Tss aufgewachsenen Gross zhlt zu den grossen Lyrikern der Schweiz obwohl er seit 30 Jahren nichts mehr geschrieben hatte. Eine Wrdigung von Walter Gross durch Ernst Gander von der Winterthurer Stadtbibliothek aus dem Tssemer vom November 1999.

Walter Gross, der in Vergessenheit geratene Winterthurer Dichter, wurde 1924 als Sohn eines Sulzerarbeiters geboren. Er war gelernter Buchbinder, fhlte sich aber schon sehr frh zum Dichter berufen. Er eignete sich sein literarisches Wissen selbst an und schuf als Autodidakt zwei erstaunliche Lyrikbnde.

In den fnfziger und sechziger Jahren war Gross in der deutschsprachigen Literaturszene kein Unbekannter mehr. 1957 erscheint bei Heinrich Ellermann sein Erstling Botschaften noch im Staub. Inspiriert wurden diese Gedichte von einem Aufenthalt in Sditalien, den ihm der Winterthurer Mzen und Dichter Hans Reinhart ermglicht hatte. Die Gedichte, die dabei entstanden, berzeugen noch heute:

Nachher

Singen wird
aus dem Mrtel meines Leibes
die Grille und wachsen
die blaubereifte Distel,
und immer wieder werden
die mrben Feigen liegen
im Laub der Erde
und es trnken
mit dem blulichen Blut
der Himmel eines Jahres,
und immer wieder wird ruhn
auf den Feldern
die Stille mit dem Ruch der Kamille.

Atmet dieses Gedicht noch die Luft der fnfziger Jahre mit seiner erdenschweren Liebe zum Detail und Unbedeutenden, wirkt der Gedichtanfang Lass keine Verzweiflung aufkommen, jetzt zwischen neun und zehn Uhr immer noch sehr modern.

1964 erschien sein zweites und zugleich letztes Buch Antworten im Piper Verlag Mnchen auf Vermittlung von Ingeborg Bachmann. Zu ihr und vielen andern SchriftstellerInnen jener Jahre unterhielt Gross einen regen Briefwechsel, der die Bedeutung unterstreicht, die er im Literaturbetrieb hatte. Die wohl wichtigste Freundschaft verband ihn mit Johannes Bobrowski, dem bedeutenden DDR-Autor, der bis zu seinem frhen Tod 1965 in Ostberlin lebte und Walter Gross sehr gefrdert und geschtzt hat. So bittet ihn Bobrowski in seinen Briefen mehrmals, ihn wieder besuchen zu kommen. Und dann herrschen wird das Stumme.

Gross Gedichte erscheinen in den folgenden Jahren in bekannten Anthologien, auch hielt er viele Radiovortrge und war als politisch engagierter Schriftsteller Grndungsmitglied der Gruppe Olten. Aussergewhnlich waren seine Kontakte und Reisen zu osteuropischen Autoren in dieser Zeit des Kalten Krieges. Diese Aktivitten konnten aber nicht darber hinwegtuschen, dass er kein neues Buch mehr verffentlichte, obwohl er immer wieder davon gesprochen hatte, demnchst einen Prosaband herausgeben zu wollen. Was es dann gewesen ist, das ihn daran gehindert hatte Gross mochte sich darber nicht ussern. Er blieb zwar freier Schriftsteller, der von Freunden und Institutionen gelegentlich untersttzt wurde, aber verffentlicht hat er nichts mehr.

Er starb am 18. September, drei Wochen vor seinem 75. Geburtstag am 12. Oktober 1999, im Krankeneim Wlflingen.

Aus Anlass seines 75. Geburtstages war von seinen Freunden ein Reprint des ersten Buches Botschaften noch im Staub geplant. Er ist nun posthum mit dem Nachwort von Serge Ehrensperger erschienen und kann in den Winterthurer Buchhandlungen und in der Stadtbibliothek Winterthur fr 28 Franken gekauft werden.

Ernst Gander

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 09. Mai 2017 um 14:30 Uhr
 

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