Lotterhäuser, Autolärm und viel Charme
Ist Töss wirklich so schlecht wie sein Ruf? Zwei Tössemer, FDP-Gemeinderätin Ruth Werren und SP-Mitglied Matthias Erzinger, haben den «Landboten» durchs Quartier geführt und schöne wie hässliche Seiten aufgezeigt.

Ruth Werren und Matthias Erzinger stehen vor dem renovierten Tössemer Gemeindehaus und meinen übereinstimmend: «Das ist ein Bijou.» Weniger erbaulich ist der Blick auf die andere Seite. «Da ist das Schlimmste», meint Erzinger. Damit meint er das stark sanierungsbedürftige Zentrum Töss, aber auch den Verkehr auf der Zürcherstrasse. In der Tat macht das Hochhaus einen maroden Eindruck. Der Beton bröckelt teilweise, rostige Armierungseisen sind sichtbar, gleich vier Leuchtreklamen sind kaputt. «Meiner Meinung nach müsste dieser blöde Betonblock weg und Platz machen für etwas Neues. Das wäre ein Zeichen», sagt Erzinger. Werren, die schon seit 30 Jahren zuoberst im Zentrum Töss wohnt, schwärmt von ihrem «sagenhaften Ausblick». Sie räumt indes ein, dass seit 1988, der Übernahme durch den einstigen Erb-Konzern, die nötigen Unterhaltsarbeiten nur noch sporadisch ausgeführt wurden. Sie hofft nun, dass sich ein Käufer findet, der auch bereit ist, einige Millionen in den Betonriesen zu investieren. «Die Lage wäre nämlich gut», merkt sie an. Wenn aber etwas «gutes Neues» entstände, würde sie sich auch nicht gegen einen Abriss wehren.
Positiv bewerten Werren und Erzinger, dass die Zürcherstrasse beim Zentrum Töss nicht mehr nur per Unterführung, sondern auch ebenerdig per Zebrastreifen gequert werden kann. Erzinger moniert allerdings, dass bei der Lichtsignalanlage ein Knopf fehlt, mit dem Fussgänger eine Grünphase erzwingen könnten. Um die Blechlawine auf der Zürcherstrasse generell einzudämmen, brauche es eine «Pförtneranlage», meint Erzinger. «Nein, das bringt nichts», entgegnet die bürgerliche Politikerin. Werren propagiert einmal mehr ihre Idee einer teilweise tiefer gelegten Zürcherstrasse. Mit diesem Vorschlag ist sie aber jüngst beim Stadtrat abgeblitzt. Ein solcher Bau sei nicht finanzierbar, wurde ihr in der Interpellationsantwort beschieden. Nicht allzu viel halten die beiden Tössemer vom stadträtlichen Alternativvorschlag, die Zürcherstrasse mittels tiefer gelegter Unterer Vogelsangstrasse zu entlasten.

 

Mehrverkehr befürchtet


Einige Dutzend Meter weiter steht an der Zürcherstrasse ein hässliches, halb zerfallenes Haus. Laut Erzinger ist das ein Beispiel von vielen. «Der Verkehrsdruck entlang der Zürcherstrasse wertet die Liegenschaften ab. Viele Häuser hier sind am Verlottern.» Werren widerspricht: «Wir haben keine Verslumung in Töss. In den letzten Jahren ist einiges renoviert worden.» Erzinger hingegen kann keine Trendwende erkennen. Noch weiter in die falsche Richtung geht seiner Meinung nach die an der Zürcherstrasse, zwischen Schlosstal- und Rieterstrasse geplante Tankstelle mit einem Burger-King-Schnellimbisslokal. «Das führt zu Mehrverkehr, Lärm und Abfall. Die Mietpreise der benachbarten Wohnungen werden fallen. Das Negativ-Image von Töss verstärkt sich.» Werren bedauert, dass für das Drive-in das Bauernhaus und einer der einst schönsten Gärten Winterthurs weichen müssen. «Ich finde dieses Schnellimbiss-Lokal auch nicht super, aber das ist freie Marktwirtschaft.» Wirklich störend ist für Werren die Zunahme von Rotlicht-Etablissements entlang der Zürcherstrasse.
Weiter geht es auf der Rieterstrasse. Schon nach wenigen Metern verstummt der Verkehrslärm der Zürcherstrasse, und es präsentiert sich ein anderes Töss: Schöne Einfamilienhäuser, einladende Mehrfamilienhäuser, gepflegte Gärten und praktisch kein Verkehr. «Hier ist die Lebensqualität sehr hoch», merkt Erzinger an. Richtig romantisch wird es im Gebiet Chrugeler, wo charmante Häuschen, verwinkelte Hinterhöfe und Gärtchen zum Verweilen einladen. Hier ist Matthias Erzinger mit seiner Familie zu Hause. Im Rieterkanal entlang der J.-C.-Heer-Strasse haben die Anwohner bis vor einigen Jahren im Sommer noch gebadet. Doch da Rieter den Kanal nicht mehr regelmässig herausputzt, wagt sich niemand mehr hinein. Vielleicht werde der Kanal im Zusammenhang mit dem geplanten Kleinkraftwerk wieder gereinigt, hofft Erzinger.
Plötzlich ist es mit der Ruhe wieder vorbei. Das Rauschen der Autobahn ist zu vernehmen. Erst noch sanft, dann immer störender, je weiter man auf der J.-C.-Heer-Strasse voranschreitet. «Seit der Sanierung des A1-Belages ist es lauter geworden», weiss Ruth Werren. Sie erklärt dies damit, dass nun die Fahrbahn rund 20 Zentimeter höher ist. Dies habe zur Folge, dass die Lärmschutzwände nicht mehr hoch genug seien. Gemeinderätin Werren will beim Stadtrat mittels Vorstoss erreichen, dass dieser beim Kanton vorstellig wird und eine Erhöhung der Lärmschutzwände einfordert.

 

Sitzbank an der Busstation


Beim Café Lienhard angekommen, führt der Rundgang via Unterführung weiter auf die andere Seite der Zürcherstrasse. Erzinger weist darauf hin, dass die Kritik, welche die Tössemer Bevölkerung im September anlässlich der Diskussion mit dem Stadtrat äusserte, bereits ein erstes Ergebnis gezeitigt hat: An der Busendstation «Töss» (früher «Rieter») gibt es jetzt eine Sitzbank – aber ein Dach fehlt immer noch. Gewaltig gross ist die von Rieter nicht mehr benötigte Giessereihalle an der Freihofstrasse. Wie die Halle in Zukunft genutzt wird, ist offen. Nach Ansicht von Werren wäre die Halle «ideal fürs Kleingewerbe». Bei den Häusern an der Zelglistrasse mit ihren Hintergärten und Höfen kommt Erzinger wieder ins Schwärmen: «Das ist Töss.» Endstation des Rundgangs ist das alte Sigristenhäuschen der reformierten Kirche. Wie Ruth Werren von der Kirchenpflege gehört hat, wäre eine Renovation der baufälligen Liegenschaft sehr teuer, weshalb der Abbruch in Betracht gezogen wird. An Stelle des Häuschens davor könnte ein Mini-Park entstehen. «Ich finde das eine bestechende Idee», meint Werren.
Wenngleich FDP-Gemeinderätin Ruth Werren und Matthias Erzinger, SP-Mitglied und Redaktor der Quartierzeitung «De Tössemer», häufig verschiedene Ansichten haben, sind sie sich doch einig darin, dass Töss wesentlich besser ist als sein Ruf. Töss verfügt über schöne Wohngebiete wie Chrugeler und Eichliacker. «Problematisch ist primär der Streifen Zürcherstrasse», resümiert Erzinger, «da muss etwas geschehen. Vielleicht genügen schon einige kleine Massnahmen, damit alles etwas anders wirkt. Beim Stadtbus haben auch kleine Veränderungen eine Imagekorrektur bewirkt.»

 

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