Inkompetenz-Kompensations-Kompetenz
Töss-Blog
Geschrieben von: Christian Eggenberger   
Dienstag, den 15. Mai 2012 um 20:59 Uhr
Als Vater hat man seine Erziehungsziele - oder etwa nicht? Ich jedenfalls hatte es in sprachlicher Hinsicht darauf angelegt, unsern Kinder innert nützlicher Frist ein anspruchsvolles Wort beizubringen: "Computergesteuertes Bordfunkgerät". Alle haben es irgendwann geschafft. Weiss der Gugger wie, ich darauf gekommen war! Weder zu Computern noch zu Funkgeräten habe ich ein besonders leidenschaftliches Verhältnis. Hätte ich nochmals die Wahl, ich würde ein anderes Wort wählen, nämlich das Wort: "Inkompetenz-Kompensations-Kompetenz". Denn das brauche der heutige Mensch, sagt ein Philosoph unserer Tage.
Das Wort sei an einem Beispiel erklärt:
Letzten Samstag war Jubiläumsfest der Freizeitanlage Dättnau. Ich habe mich zusammen mit meinem Kollegen in offizieller pfarramtlicher Mission als freiwilliger Helfer zur Verfügung gestellt. Mein Amt: Hot-Dog-Produktion. Vor mir Ketchup, Wienerli, Brötli und eine eigenartige Wärmemaschine, an der die Brötli auf einem erhitzbaren Dorn aufgespiesst werden müssen. Die Wienerli schmoren in einem Behälter daneben. Dann der Ruf zur Bestellung: "Einmal Hotdog mit Ketchup!" Ich angle mir ein heisses Würstchen aus dem Wärmetopf. Schon falsch: zuerst kommt das vorgewärmte Brötchen in eine Hand, in die andere kommt die Ketchup-Dose! Das Ketchup müsste ins Brötchen gedrückt werden. Geht aber unmöglich mit nur einer Hand. Kurz: das schaff' ich nicht: also - so stelle ich fest - bin ich inkompetent! Da kommt mir eine Mitstreiterin hilfreich entgegen, übernimmt das Einfüllen mit Ketchup, kompensiert damit meine Inkompetenz. Und ich nehme die Hilfe dankend an, verfüge also über die Kompetenz, meine Inkompetenz zu erkennen und sie durch die Kompetenz anderer auszugleichen, bzw. zu kompensieren. So kann ich nun zweifelsohne stolz sein auf meine Inkompetenz-Kompensations-Kompetenz.
Der Worterfinder hat allerdings weniger ans Hot-Dog-Präparieren gedacht, als vielmehr an die grossen Probleme der Menschheit. Da sei es eben nötig, die Grenzen der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten zu erkennen. Alles klar?

Dem kleinen Kevin ist das Wurscht, bzw. er will sie endlich in Händen haben. Seine Erwartungen scheinen wir erfüllt zu haben. Jedenfalls stiefelt er zufrieden mit dem Produkt unserer Tat und meiner Tiefsinnigkeit in den Regen hinaus. "Hotdog" - das kann er schon sagen. Hoffentlich bringt ihm auch bald jemand mein Superwort bei: "Inkompetenz-Kompensations-Kompetenz."

Christian Eggenberger

Christian Eggenberger, geb. 1951 ist seit 1983 reformierter Pfarrer in Töss.