Geschrieben von: Werner Frei   
Donnerstag, den 21. Juni 2012 um 00:00 Uhr
Dank der Fussball-Europameisterschaft wissen wir, wie schlecht es um die Demokratie in der Ukraine steht. Doch auch in anderen Lndern auf der ganzen Welt kmpfen die Menschen um mehr politische Rechte, und sie wren wohl froh, wenn sie bloss ein bisschen Mitspracherecht und Meinungsfreiheit htten. Dafr setzen sie ihre Freiheit oder sogar ihr Leben aufs Spiel.

Was hat das mit unserem Stadtteil zu tun?

Tss gilt seit jeher als linker Stadtteil. Frher, als Winterthur zwar keinen SP-Stapi hatte, aber dafr eine Arbeiterstadt war, galt Tss als roter Stadtteil. Die Arbeiter von Sulzer, Rieter und Loki haben sich gegen die Ausbeutung und fr demokratische Rechte gewehrt. Haben in den 30er- und 40er-Jahren die Frntler aus ihrem Stadtteil geprgelt und gegen Abzocker gekmpft, lngst bevor der Begriff Abzocker berhaupt erfunden war. Heute leben im bunten und friedlichen Tss neben den Bezern und auslndischen Mitbrgern immer mehr junge Menschen, die den Stadtteil fr sich entdeckt haben, weil er noch viel gnstigen Wohnraum und Nischen bietet.

Umso mehr erstaunten mich die Statistiken zu den Stadtratsersatzwahlen, die ich nach Auszhlung aller Stimmen in den Medien und auf www.stadt-winterthur.ch studierte. Whrend die Wahlbeteiligung in Winterthur bei mssigen 42,8% lag, gingen in Tss nicht mal ein Drittel der Wahlberechtigten an die Urne (resp. an den Briefkasten). Mit mickrigen 33,9% lag unser Stadtteil sogar klar auf dem letzten Platz, weit hinter den brigen sechs Stadtteilen. Spitzenreiter Veltheim verzeichnete eine Wahlbeteiligung von 48,1%, gefolgt von Seen mit 46,9%.

Wenn man die Einwohnerzahlen und die Anzahl der Stimmberechtigten miteinander vergleicht, geben die Ergebnisse noch mehr zu denken. In Tss leben rund 10'300 Menschen, nur leider etwas mehr als die Hlfte darf politisch mitbestimmen. Von diesen 5373 Stimmberechtigten gaben nur 1821 ihre Stimme ab. Gltig waren gerade mal 1694 Stimmzettel. In ganz Winterthur waren es 26437...

Als politisch interessierter Zeitgenosse und berzeugter Demokrat stelle ich mir Fragen: Warum gehen ausgerechnet die Tssemer/innen nicht an die Urne? Gehts ihnen zu gut? Oder schon so schlecht, dass sie resigniert haben? Wieviel Gewicht hat der stimmfaule Stadtteil Tss berhaupt in der Winterthurer Politik? Dazu ein konkretes Beispiel: Fr was muss sich der Vorsteher des Schuldepartementes besonders Mhe geben, wenn er ber den Erweiterungsbau des Schulhauses Eichliacker bestimmt? Tss bleibt ja bei den Stadtratswahlen sowieso zu Hause. Da strengt er sich doch lieber in Seen oder Veltheim an, wo er um die Whler/innen buhlen muss.

Die schwache Wahlbeteiligung muss auch den Tssemer Politiker/innen zu denken geben. Es gab Zeiten, da war unser Stadtteil ein gewichtiger politischer Faktor in Winterthur, weil die Tssemer nicht aufs Maul hockten und sich in der Politik und am Arbeitsplatz fr mehr Rechte und Gerechtigkeit wehrten. Wieso soll das heute nicht mehr so sein?

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Andreas Msli lebt im Eichliacker-Quartier, ist Geschftsfhrer beim FC Winterthur und Gitarrist bei Catbird.