Warum hat ausgerechnet Töss die schlechteste Wahlbeteiligung?
Töss-Blog
Geschrieben von: Andreas Mösli   
Donnerstag, den 21. Juni 2012 um 00:00 Uhr
Dank der Fussball-Europameisterschaft wissen wir, wie schlecht es um die Demokratie in der Ukraine steht. Doch auch in anderen Ländern auf der ganzen Welt kämpfen die Menschen um mehr politische Rechte, und sie wären wohl froh, wenn sie bloss ein bisschen Mitspracherecht und Meinungsfreiheit hätten. Dafür setzen sie ihre Freiheit oder sogar ihr Leben aufs Spiel.

Was hat das mit unserem Stadtteil zu tun?

Töss gilt seit jeher als „linker“ Stadtteil. Früher, als Winterthur zwar keinen SP-Stapi hatte, aber dafür eine Arbeiterstadt war, galt Töss als roter Stadtteil. Die Arbeiter von Sulzer, Rieter und Loki haben sich gegen die Ausbeutung und für demokratische Rechte gewehrt. Haben in den 30er- und 40er-Jahren die Fröntler aus ihrem Stadtteil geprügelt und gegen Abzocker gekämpft, längst bevor der Begriff Abzocker überhaupt erfunden war. Heute leben im bunten und friedlichen Töss neben den Büezern und ausländischen Mitbürgern immer mehr junge Menschen, die den Stadtteil für sich entdeckt haben, weil er noch viel günstigen Wohnraum und Nischen bietet.

Umso mehr erstaunten mich die Statistiken zu den Stadtratsersatzwahlen, die ich nach Auszählung aller Stimmen in den Medien und auf www.stadt-winterthur.ch studierte. Während die Wahlbeteiligung in Winterthur bei mässigen 42,8% lag, gingen in Töss nicht mal ein Drittel der Wahlberechtigten an die Urne (resp. an den Briefkasten). Mit mickrigen 33,9% lag unser Stadtteil sogar klar auf dem letzten Platz, weit hinter den übrigen sechs Stadtteilen. Spitzenreiter Veltheim verzeichnete eine Wahlbeteiligung von 48,1%, gefolgt von Seen mit 46,9%.

Wenn man die Einwohnerzahlen und die Anzahl der Stimmberechtigten miteinander vergleicht, geben die Ergebnisse noch mehr zu denken. In Töss leben rund 10'300 Menschen, nur leider etwas mehr als die Hälfte darf politisch mitbestimmen. Von diesen 5373 Stimmberechtigten gaben nur 1821 ihre Stimme ab. Gültig waren gerade mal 1694 Stimmzettel. In ganz Winterthur waren es 26’437...

Als politisch interessierter Zeitgenosse und überzeugter Demokrat stelle ich mir Fragen: Warum gehen ausgerechnet die Tössemer/innen nicht an die Urne? Geht’s ihnen zu gut? Oder schon so schlecht, dass sie resigniert haben? Wieviel Gewicht hat der stimmfaule Stadtteil Töss überhaupt in der Winterthurer Politik? Dazu ein konkretes Beispiel: Für was muss sich der Vorsteher des Schuldepartementes besonders Mühe geben, wenn er über den Erweiterungsbau des Schulhauses Eichliacker bestimmt? Töss bleibt ja bei den Stadtratswahlen sowieso zu Hause. Da strengt er sich doch lieber in Seen oder Veltheim an, wo er um die Wähler/innen buhlen muss.

Die schwache Wahlbeteiligung muss auch den Tössemer Politiker/innen zu denken geben. Es gab Zeiten, da war unser Stadtteil ein gewichtiger politischer Faktor in Winterthur, weil die Tössemer nicht aufs Maul hockten und sich in der Politik und am Arbeitsplatz für mehr Rechte und Gerechtigkeit wehrten. Wieso soll das heute nicht mehr so sein?

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Andreas Mösli lebt im Eichliacker-Quartier, ist Geschäftsführer beim FC Winterthur und Gitarrist bei Catbird.