Wann ist ein Schweizer echt?
Töss-Blog
Geschrieben von: Andreas Mösli   
Montag, den 02. Juli 2012 um 00:00 Uhr
Meine Name ist Mösli. Andreas Mösli. Soweit, so gut. Doch als Titelheld eines internationalen Agententhrillers würde ich mit diesem Namen nicht weit kommen. Weder geschüttelt noch gerührt. Die Hollywood-Karriere habe ich mir also aus dem Kopf geschlagen.

Mösli klingt nach Schweiz. Schweizerischer geht fast nicht mehr. Wie gopfridstutz, Chuchichäschtli oder cheibe Seich oder Rüdisühli.
So gesehen hätte ich grosse Chancen als Musterschweizer in einer Neuauflage des Films „Die Schweizermacher“, der Ende der 70er-Jahre die Einbürgerungspraxis und das arrogante, ignorante Spiessertum grossartig karikierte. Die bitterböse Komödie mit Emil und dem jüngst verstorbenen Walo Lüönd ist bis heute der erfolgreichste Schweizer Film (15% der Bevölkerung haben ihn damals im Kino gesehen!).
Angesichts der jüngsten Diskussionen und Vorschläge in der Migrationspolitik wäre eine Neuverfilmung höchst angebracht. Denn die politische Debatte (wenn sie denn diesen Namen überhaupt noch verdient) wird immer absurder und, gut schwiizerdütsch gesagt: gruusiger.
Dabei will ich gar nicht auf die im Internet verbreiteten dümmlichen Nazi-Parolen von einzelnen SVP-Mitgliedern eingehen (Stichworte: Kristallnacht für Moscheen, Erschiessungen von Asylbewerbern). Zu denken geben vielmehr die „Problemlösungen“, die auf offizieller politischer Ebene gefordert werden.
So will die SVP die Bevölkerung in echte und unechte Schweizer einteilen und fichieren. Echt ist, wer seit Geburt Schweizer ist. Unecht sind die Eingebürgerten, also alle Menschen mit Migrationshintergrund.
Etwas Familiengeschichte
Was hat das mit meinem Namen zu tun? Mösli. Das muss ein Schweizer sein. Ein waschechter. Nicht nur dem Namen nach, tatsächlich bin ich in der Schweiz geboren und staatsbürgerlich gesehen Schweizer seit Geburt. Aber was sagt das bitteschön aus? Über meine Qualitäten als Mensch gar nichts. Bin ich wirklich ein Schweizer? Und falls ja: Ein echter?
Dazu ein kurzer Abriss meiner Familiengeschichte:
Vor langer Zeit, so genau weiss das niemand, verschlug es eine Sippe aus dem nordafrikanischen oder arabischen Raum ins dünn besiedelte Appenzellerland. Zigeuner seien es gewesen, heisst es in den Dokumenten, die eine Urgrosstante von mir erforscht hatte. Aus diesen hergezogenen Moslems wurden mit der Zeit die Möslis (deshalb nicht Mööösli), die nicht mehr an Allah, sondern im protestantischen Sinn an Gott glaubten. 1918, als Wohlstand, Bildung und Fortschritt immer noch nicht in der ganzen Schweiz Einzug gehalten hatten, wanderte mein arbeitsloser Grossvater mangels wirtschaftlicher Perspektive nach Norddeutschland aus und fand wie so mancher andere Schweizer Arbeit als Melker auf einem Grossbauernhof. Er war also je nach politischer Sichtweise ein schmarotzender Wirtschaftsflüchtling oder aber ein ausgebeuteter Arbeiter, der mangels Alternativen billig und willig das erledigte, was die Einheimischen nicht (mehr) tun wollten. Da mein Grossvater dann auch noch eine Einheimische zur Frau nahm, waren die Kinder (also mein Vater) halb Schweizer, halb Deutsche – trotz des Schweizer Passes.
Mütterlicherseits sieht es so aus: Eine deutsche Bauern- und Handwerkersippe wanderte vor langer Zeit ins heutige Litauen aus - dort gab es weite Brachen, die bearbeitet werden sollten, aber zu wenig Menschen, die dies taten. Deshalb lockte der russische Zar Bauern und Handwerker von weit her mit Geld und Land. Aus dem „neuen Mann“ und seiner Sippe aus Deutschland wurde schliesslich die Familie Neumann. Also auch hier gilt: Migriert aus wirtschaftlichen Gründen. Als dann im 2. Weltkrieg die Sowjets in die deutschen Ostgebiete einmarschierte, flüchtete meine Grossmutter mit den Kindern und landete in einem Flüchtlingslager in Norddeutschland. Aus den einstigen Wirtschaftsflüchtlingen wurden auf einmal Kriegsflüchtlinge.
Auch mein Vater versuchte sein Glück nochmals in Deutschland, wo in den 50er- und 60er-Jahren das Wirtschaftswunder stattfand. Er fand sein Glück, heiratete meine Mutter und kehrte mir ihr zurück in die Schweiz.
Bin ich nun als Nachkomme von Kriegs- und Wirtschaftsflüchtlingen ein unechter Schweizer? Oder ein echter, weil ich als Schweizer geboren bin?
Und wie stehts mit ihnen, liebe Leser/innen? Wie lautet ihre Familiengeschichte? Und die ihrer Freunde und Bekannten? Oder in der Sprache der SVP gefragt: Wie echt sind Sie?

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Andreas Mösli lebt im Eichliacker-Quartier, ist Geschäftsführer beim FC Winterthur und Gitarrist bei Catbird.