Neujahrstag
Geschrieben von: J.C. Heer   
Dienstag, den 11. September 2012 um 21:08 Uhr

D ie nachstehenden Darstellungen, die ich der alten Heimat widme, umfassen etwa die Zeit 1860-70. Es sind Schilderungen von Zustnden und Sitten, wie sie damals weithin verbreitet waren und bei uns als besonders rtlich galten. Es sind Bilder, bei denen der Leser denken mag: so hat's der "Joggeli" gesehen - seine damaligen Dorfgenossen vielleicht mit andern Augen.

Ich beginne mit der Erinnerung, wie der Kreislauf des Jahres im buerlichen Tss verlief:

Neujahrstag - gehobene Stimmung in Sonne und Schnee! Am Morgen Besuch bei "Gtti" und "Gotte", auch in verwandten Familien und der fr einen kleinen Jungen etwas langatmige Spruch: "Ich wnsche Euch ein gutes, gesegnetes und freudenreiches neues Jahr und dass Ihr noch viele Jahre verbringen mget in Gesundheit und Gottes Segen!" Die Erwiderung des Glckwunsches bestand im Geschenk eines stattlichen "Eierrings", einer Geldgabe von zwei bis fnf Franken und oft in einer Zusteuer an Zeug fr ein Gewandungsstck. Je nach Verhltnissen und Umstnden! Die Brotkrnze stellten wir fr ein paar Tage zwischen die Fenster, damit die Leute shen, dass wir vornehme Paten htten. Diesen war's aber oft nicht leicht, die kleinen Gste zu befriedigen. Ich erinnere mich, dass meine Mutter viele Jahre ber zwanzig Kindern "Gotte" war.

Mehr noch als auf Neujahr mit seinen steifen Besuchen und Gegenbesuchen freuten wir uns auf den Bchtoldstag, den weltlichen Nachklang der Jahreserffnung. Die Erwachsenen gingen am Abend auf den Tanz oder sonst in Gesellschaft, die Jugend sammelte sich da und dort in einer Bauernstube zum "Bchtelen" und hatte Freinacht. Grosse geheime Verhandlungen, dass man mit denen zusammenkam, die man sich wnschte. Jeder brachte einen Leckerbissen, jeder sein Schppchen, und in der Runde war frhlicher Austausch der Gaben. Die reichste Unterhaltung boten die Spiele. Besonders beliebt war das "Krschelen". In einen langgestreckten Haufen Krsch [Weizenkleie] steckten wir unser Kleingeld, liessen ihn durch irgendjemand Vertrauenswrdiger mischen, nachher durch ein Mdchen wie ein Brot zerschneiden und jeder Teilnehmer zog nun auf Geratewohl sein Stck. Da mochte er nun die Geldstcklein herauslesen und erkennen, ob er mit seinem Einsatz gewonnen oder verloren habe. Beliebt war auch das Fangspiel: "Fischlein in den Teig, Fischlein aus dem Teig!" Da blieb immer der Richtige oder die Richtige hngen - vor der Tr oder im Garten draussen ereignete sich als Pfandlsung ein Kuss - der erste unschuldige Kuss des Lebens - und manchmal der ssseste und unvergesslichste mit dem Mdchen, fr das man von der Schulbank her schwrmte.

Oft gab es beim "Bchtelen" einen etwas lrmenden mitternchtlichen Auszug, um andere Jugendgesellschaften zu berrraschen. Die Aufnahme war oft gut, oft schlecht. Wir im alten Quartier "Krugeler" galten im Ober- und Niederdorf als die Mindern. "Zpft Euch doch heim, Ihr gehrt doch gar nicht zur Gemeinde!" "Wieso den nicht", erwiderte ich einmal, "mein Gtti, der Beck, ist doch Gemeinderat!" Darauf die Antwort des Prsidentensohnes: "Nein, Ihr gehrt nicht zum Dorf. Es war einmal einer, der wurde wegen liederlichen Lebenswandels der Gemeinde verwiesen. Da siedelte er in den Krugeler hinab und konnte dort bleiben! Also ghrt Ihr nicht zum Dorf!" Spter wurde das besser, ich erinnere mich an Bchtoldstage im Ober- und Nierderdorf. "Wir sind doch alle Tssemer!".


IMAGE


Jakob Christoph Heer, Schriftsteller (Geb. 17. Juli 1859 in Winterthur-Tss; Gest. 20. August 1925 in Zrich)