Licht in Töss
Töss-Blog
Geschrieben von: J.C. Heer   
Dienstag, den 18. September 2012 um 21:15 Uhr

Lichtmess - 2. Hornung - kein Fest, aber doch ein stiller Freudentag, namentlich für die Alten, das Lob des wachsenden Lichtes! Das tiefe Aufatmen aus der langen Dunkelheit des Winters wird der Jugend unseres lichtgesättigten elektrischen Zeitalters in seinen Gefühlswerten kaum mehr verständlich sein. Man muss dabei an die schlechten Beleuchtungsverhältnisse denken. Solange zwar meine Erinnerung reicht, besassen die Hauptstrassen von Töss schon Gasbeleuchtung. Das städtische Gaswerk Winterthur, das auch die industriellen Werke von Ober- und Niedertöss bediente, lag auf unserem Gemeindeboden. Die "Platane" war das damalige Direktionshaus.

So gut es aber um die öffentliche Beleuchtung stand, so schlecht um diejenige der Häuser. Nur in ein paar Direktorswohnungen gab es die Gasflamme, in den andern brannte das trübe Repslicht, in den Küchen der schwer rauchende, doch in seinem Flammenzucken geheimnisvoll trauliche Kienspan. Gequälter Junge, der seine Aufgaben und Zeichnungen bei der Oellampe erledigen musste! Das lag nicht nur am schlechten Licht, die zinnernen Lampen schwitzten das Oel aus, kein Tisch blieb rein. Wenn aber ein damaliger Gewerbeschüler zu seinen Aufgaben eine Talgkerze anzünden durfte, so sagte die Nachbarschaft: "Wie wird der verwöhnt - der muss wohl ein Herr werden!"

Und die Kerze wie die Repslampe erforderten den ständigen Gebrauch der Lichtputzschere. Phosphor und Hölzchen gab es damals freilich schon, aber die "Schwefelhölzer", mit denen man das Licht von einer Kammer in die andere trug, waren noch sehr üblich, und bei den tabakrauchenden Bauern der Feuerstein und der Zunder ein so selbstverständlicher Taschenbesitz wie die zerrumpfte Schweinsblase als Geldsäckel.

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Zeichnung aus J.C.Heers "Jugenderinnerungen"

Ich glaube, es war mein Vater, der 1865 von einer Montage in Mühlhausen kommend, eine Stehpetroleumlampe ins Dorf brachte, die erste! Was bewunderte die Nachbarschaft das helle, ruhige Licht! Bald darauf war kein Haus in der Gemeinde mehr ohne die sehr rasch beliebt gewordenen Petroleumhängelampen, die mit einem breiten Emailschirm das Licht auf den Tisch warfen; die zinnernen und messingenen Putzscheren, die Kerzenstöcke und Repslampen wandelten zum Altmetallhändler. Es kamen aber neben dem verhältnismässig sichern Petroleum auch gefährliche Mineralöle auf wie Ligroin und Neolin, die bei Frauen und Mädchen des Dorfes schwere Verbrennungen und Verwundungen anrichteten.

Vom elektrischen Licht war auch schon die Rede, erstmals aber sah ich es mit tausend Neugierigen 1872 vor der Schlangenmühle in Winterthur, wo ein Ingenieur zum Erstaunen aller eine Bogenlampe über den Platz leuchten liess. "Und in Paris ist eine ganze Strasse von diesem wunderbaren Licht erhellt!" Wer hätte gedacht, dass es je auch nach Winterthur und Töss käme! [...]

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Jakob Christoph Heer, Schriftsteller (Geb. 17. Juli 1859 in Winterthur-Töss; Gest. 20. August 1925 in Zürich)