
Evangelikale Gruppen im Fokus
Sekten-Flyer, patriarchale Freikirchen und junge WG’s
Da eine harmlos scheinende Infotafel, dort ein Flyer, Videos auf Instagram oder TikTok: In Töss sind seit einiger Zeit vermehrt freikirchliche Aktivitäten wahrnehmbar. Simon Berginz hat ihnen nachgespürt und festgestellt: Teilweise verstecken sich hinter der christlichen Fassade auch Ideologien, die mit einer offenen Gesellschaft kaum in Einklang zu bringen sind. Zusammen mit Expert:innen ordnen wir ein.
In den vergangenen Wochen hat die Redaktion von verschiedener Seite Hinweise auf deutlich stärkere freikirchliche Aktivitäten in Töss erhalten. Es ist natürlich nicht die Aufgabe einer Quartierzeitung, die Bevölkerung zu belehren, was sie glauben soll, und wie ein Glaube praktiziert werden soll. Aber was steckt hinter welcher Organisation? Nach einer ersten Recherche wurden wir stutzig. Gerade auch, weil die vordergründige Fassade manchmal täuscht, wie eine Nachfrage bei einem Experten ergeben hat. Daher nachfolgend eine – nicht abschliessend vollständige – Übersicht ergänzt mit Informationen der Fachstelle der reformierten Kirche, Relinfo.
Cornerstone Church
An der Auwiesenstrasse, im ehemaligen Gebäude der Buchbinderei Weber, gleich bei der Unterführung zum Reitplatz, ist seit einiger Zeit die Cornerstone Church zu Hause. Bei einem Besuch der Website finden wir Ausagen wie «Die Bibel, mit allen Zusprüchen und Ansprüchen, ist unsere einzige Grundlage für die Auslegungspredigten am Sonntag.» oder «Wir glauben, dass Gott Adam im Bild Gottes erschuf, dass seine Ebenbildlichkeit sowie die aller seiner Nachkommen allerdings entstellt wurde und er seine ehemalige gesegnete Stellung verlor, weil er in Sünde fiel, als Satan ihn versuchte. Deshalb befinden sich seit dem Sündenfall alle Menschen in Feindschaft gegen Gott, sind geistlich tot und damit in jedem Aspekt ihres Wesens von der Sünde entstellt und versklavt.». Geprägt wird die Seite von «Ältesten» die sie leiten, einem Diakon. Diese (allesamt männlichen) Vorsteher sind aber nur mit Vornamen aufgeführt. Das ist nicht zufällig: «Praktiziert wird dies vor allem deshalb, damit niemand am Arbeitsplatz der Gemeindeleitenden erfährt, dass sie am Wochenende in ihrer Gemeinde Positionen vertreten, die heute als antifeministisch und LGBTQ-feindlich gelten», sagt Georg Otto Schmid. Er ist Leiter der Fachstelle für Religionen, Sekten und Weltanschauungen «Relinfo» der reformierten Landeskirche. Die Cornerstone Church in Töss steht im Kontakt mit der konservativen evangelikalen Bewegung «Evangelium21». In dieser Bewegung, so Schmid, wird von Frauen die Unterordnung unter ihren Ehemann erwartet, Leitungsämter in der Gemeinde seien nur Männern vorbehalten und Sex nur in der heterosexuellen Ehe gestattet. «Dass in den meisten Freikirchen Frauen heute predigen dürfen und zunehmend auch gleichgeschlechtliche Paare akzeptiert werden, wird von Evangelium 21 als «Postevangelikalismus» verdammt», erklärt Schmid. Besonders problematisch ist aus Sicht des Experten, wenn die Missionierung mit solchen extremen Werten aus der Anonymität heraus erfolgt. Sein Fazit: «Wer glaubt, christlicher zu sein als (fast) alle anderen Kirchen, und meint, das Rad der Zeit zurückdrehen zu müssen, der soll mit seinem vollen Namen für seine problematischen Aussagen hinstehen.» Die Fragen des «Tössemer» bei der Cornerstone-Church weshalb Sie denn nur mit Vornamen auftreten und wieso ausschliesslich Männer die höchsten Ämter besetzen, blieben unbeantwortet.
«Erretter von Winterthur»
Stark auf sozialen Medien wie TikTok ist eine andere Gruppierung aktiv. Ihr Flyer wurde im Herbst verschiedentlich in Briefkasten verteilt. Er spricht vom «Erretter von Winterthur». Gemeint ist Jesus. Muss Winterthur und damit auch Töss von Jesus «errettet» werden? Diese Dringlichkeit der Lage war der «Tössemer»-Redaktion bisher nicht bewusst, und so folgen wir dem Link auf dem Flyer. Wir geraten auf eine TikTok-Seite, auf welcher Gottesdienste im GZ Bahnhof Töss angepriesen werden. Modern inszenierte Videos mit Musik unterlegt, also die volle TikTok-Dröhnung. Eine Erzählart, die vor allem junge Menschen anzusprechen versucht. Die Videos wurden – soweit erkennbar – auf dem Bahnhofgelände oder im Dachstock des GZ gedreht. Verantwortlich ist die «Erste Liebe Kirche Winti». Sie scheint noch einen relativ überblickbaren Anhang zu haben, Sowohl der Raum wie auch die Videos erwecken nicht den Eindruck, dass hier hunderte zum Gottesdienst kommen. Die Gruppe ist ein Ableger der «First Love Church», die 2012 vom Schweiz-Ghanaer Dag Heward-Mills zusammen mit Studierenden gegründet wurde. Allerdings ist Heward-Mills bereits schon früher aufgefallen, und gründete zwischen 1980 und 1990 freikirchliche Gemeinden. Seine «Erste Liebe Kirche» ist nicht nur in Töss aktiv, sondern hat Ableger in der ganzen Schweiz, wie Georg Otto Schmid von Relinfo festhält. Diese fallen mit massiver und zum Teil verdeckter Werbung auf, und setzen hohe Erwartungen an die Präsenz der junge Mitglieder. Erwartet wird ein hohes Engagement und eine hohe Spendenbereitschaft. «Ehemalige Mitglieder sprechen von erheblichem Druck, der ausgeübt wird. Kritisiert wird auch, dass die Beeinflussbarkeit junger Menschen ausgenutzt wird», so der Experte von Relinfo.
Die Namenlosen
Nicht mit dem Glanz der «Ersten Liebe Kirche» mithalten kann ein schlichtes weisses Flugblatt, zwar weniger glamourös, dafür mit einer klaren Botschaft: «Eine Stunde mit der Bibel!», heisst es da. Die beiden Herren, welche zum gemeinsamen «lauschen der hoffnungsvollen Botschaft von Jesus Christus» einladen, haben im Herbst 2025 gleich dreimal den Rütlisaal im Hotel Töss reserviert. Einen Hinweis auf eine Gemeinde oder ähnliches suchen wir vergebens. Für den Experten aber ein klarer Fall: «Diese Organisation kennt man unter anderem unter dem Begriff der «Namenlosen». Ein christlich-fundamentalistische Sekte.» Hier würden gleich diverse typische Sektenmerkmale erfüllt wie beispielsweise Kritikverbot oder Exklusivität: «Sie lehnen jede Zusammenarbeit mit anderen Kirchen ab und sind nicht Teil der Freikirchenszene, auch wenn sie historisch aus dieser herausgewachsen sind.»
«OpenHouse4cities»
«Irgendwie wollten die nur über Jesus reden und über nichts anderes. Keine Hobbies, keine anderen Interessen», sagt uns eine Person, die lieber anonym Auskunft geben will. Sie erzählt vom Tag der Nachbarschaft am 23. Mai 2025. Damals lud die reformierte Kirchgemeinde Töss zur Eröffnung der Villa Gloggeschlag, dem neuen Nachbarschaftstreff der Kirche. Der Anlass scheint ein voller Erfolg gewesen zu sein, Berichte von mehreren Besuchenden bestätigen dies. Auch die Kirche selbst war erfreut über das rege Erscheinen von Nachbar:innen. Unsere Quelle erwähnt, dass sich eine Gruppe junger Menschen mit ziemlich religiösen Eifer bemerkbar gemacht hat. Sie gaben sich als Mitglieder der sogenannten OpenHouse4cities-Bewegung zu erkennen. Laut Relinfo ein Netzwerk unabhängiger WGs «in welchen die Angehörigen zusammenleben, um ihren Glauben im Alltag zu pflegen und an Gäste weiterzugeben.» Die WG’s sind in diversen Städten vertreten und nun anscheinend auch in Töss Dorf.
Auf ihrem Instagram-Kanal erzählen die Mitglieder, wie sie immer wieder aktiv auf den Strassen Winterthurs auf Menschen zugehen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ein WG-Mitglied berichtet beispielsweise in einem Video davon, wie bei einem spontanen Treffen mit einem anderem Menschen dessen Knie-Schmerzen durch blossen Glauben plötzlich weg waren. Nicht weiter unüblich: Denn der Glauben an Zeichen und Wunder ist fester Bestandteil dieser Bewegung.
Der Tag der Nachbarschaft in der Villa Gloggeschlag dauerte mehrere Stunden. Die angesprochene WG-Gruppe tauchte erst zum Schluss des Anlasses auf und das Verhalten der «OpenHouse4cities-Bewegung» löste nicht nur Zustimmung aus: Einigen Besuchenden wurde das Treiben zu bunt und sie verliessen den Anlass frühzeitig. Die WG-Gruppe habe offen agiert und sich klar zu erkennen gegeben, sagt die Tössemer Pfarrerin Barbara Brunner Roth, die den Anlass mitorganisierte. Sie sieht deren sehr direktes Zugehen auf andere Besuchenden, um über Glauben und Jesus zu reden, kritisch: «Ich persönlich mag diese Art weniger, lasse mich aber auf Gespräche mit Menschen mit anderen Grundhaltungen im christlichen Spektrum ein, in der Hoffnung Freiheit in ihr Denken reinzubringen. Wir pflegen in Töss eine offene christliche Haltung und landeskirchliche Positionen. Dazu gehört, dass wir Menschen mit den unterschiedlichsten Glaubensrichtungen respektieren und Respekt erwarten. Zudem bringen wir die professionelle Kompetenz mit, andere christliche Bewegungen einzuordnen, was in der heutigen Zeit eine wichtige Aufgabe ist.» Die evangelikalen Strömungen in Winterthur und Töss seien eine Tatsache, so Brunner Roth. Da der Glaubenshorizont der Gruppe weit vom landeskirchlichen entfernt sei, sei eine Zusammenarbeit nicht möglich. Mit Projekten wie der Villa Gloggeschlag zeige die reformierte Kirchgemeinde, dass es auch anders und offen gehe.
Simon Berginz
