Unterwegs mit Marc Wyler, Präsident des Quartiervereins Nägelsee
Irgendwo zwischen Paradies und Hölle
Seit rund zwei Jahren ist Marc Wyler Präsident des Quartiervereins Nägelsee. Martin Gmür hat ihn bei einem Spaziergang durch das Quartier begleitet. Hier thront die katholische Kirche, hier dröhnt die Autobahn, und hier wurden einst im ganz grossen Stil Tiere geschlachtet. Unheimlich? Nein, eher überraschend.
Treffpunkt Metzgerbrücke. Der ohnehin schon schmale Tössübergang soll noch etwas enger werden, wenn es nach der Stadtregierung geht. Diese will den an die Brücke angebauten rostenden Fussgängersteg ersatzlos entfernen. Dagegen wehrt sich der Quartierverein: Der Steg müsse zwingend erhalten bleiben, findet man auf der stadtfernen Seite. Wir sind im Nägelsee, in jenem kleinen Tössemer Quartier, das oft etwas vergessen geht – keine tausend Leute leben hier. Wir sind verabredet mit Marc Wyler, dem Präsidenten des Quartiervereins. Er wohnt mit seiner Familie gleich ennet der Metzgerbrücke und weiss, wie zentral dieser Tössübergang ist: «In meinen Augen ist es die wichtigste Brücke überhaupt; viele gehen darüber zu Fuss oder mit dem Velo Richtung Zentrum.» Wobei Zentrum beides bedeuten kann – das Einkaufszentrum Töss und das Stadtzentrum.
Seit bald zwei Jahren ist Marc Wyler nun Präsident des Quartiervereins, seit rund zwanzig Jahren lebt der gebürtige Luzerner hier und ist in diversen Gremien schon lange im Quartier engagiert. Was sind – neben der Metzgerbrücke – die wichtigen Themen, die anstehen? Die Autobahn, die dereinst einmal im Tunnel das Quartier umfahren könnte? «Das ist sicher ein Thema; ich persönlich empfinde die A1 als störend und ich meine, dass dies der allgemeinen Haltung entspricht», sagt Marc Wyler. Politische Fragen seien im Quartierverein bisher eher zurückhaltend behandelt worden. Klar aber ist: Der Lärm der Autobahn sei bei Regen lauter als bei trockenem Wetter, und nicht alle im Quartier seien gleich betroffen.
Die Perle von Töss lockt zu sehr
Die Töss ist ohnehin Segen und Fluch gleichermassen: Die Spazierwege dem Wasser entlang sind wunderschön, das Baden, das Bräteln und das Bräunen an der Sommersonne ebenso. Ein Paradies in Winterthur, «eine Perle für Töss, die wir natürlich gerne mit Auswärtigen teilen», sagt Wyler. Doch die Perle lockt an schönen Tagen (und in lauen Nächten) allzu sehr: Zu viele Leute, zu viel Lärm in der Nacht, zu viel Abfall, zu viele Ausscheidungen und zu viele Autos, deren Fahrer Parkplätze suchen. A propos Parkplätze: Gleich neben der Metzgerbrücke hats ein knappes Dutzend davon. Und die werden teilweise ungefragt zum Dauerparken missbraucht. Bei unserem Spaziergang fallen uns gleich zwei Autos auf, die ohne Nummernschilder dort dauerhaft abgestellt sind. Ein Anruf bei der Stadtpolizei bringe jeweils nicht viel, sagt Marc Wyler: «Das Land am Tössufer ist kantonales Gebiet, da kann die Stadtpolizei wenig ausrichten. Und Zürich ist weit weg…»
Guter Draht zum Moschee-Verein
Wir sind beim Spazieren auf dem Tössuferweg mittlerweile an der Moschee vorbei gekommen, die damals vor dem Bauen zu Diskussionen geführt hatte. Mittlerweile sind die Wogen geglättet, und Marc Wyler stellt fest: «Wir im Quartier pflegen eine herzliche Beziehung zum Moschee-Verein, wir stehen laufend in Kontakt, und ich persönlich bin sehr beeindruckt zu sehen, wie offen die Leute im Nägelsee sind.»
Wir gehen weiter durchs Industriegebiet, vorbei an einer Kebabfabrik, an Firmen aus dem Bausektor, an Autogaragen und an der letzten Beiz im Quartier, dem Restaurant Nägelsee. Der Autobahnlärm nimmt stetig zu und erreicht den Höhepunkt beim Mittelpunkt des Vereins- und Zusammenlebens im Nägelsee.
Ein Ort für die Jugend und für Familien
Hier, wo es immer enger wird zwischen der Töss, der Eisen- und der Autobahn, hier liegt die Freizeitanlage. Gut gelegen, gut gebaut und gut gebucht von Vereinen und Familien für Feiern und Feste. Hier kennt sich Marc Wyler bestens aus, denn er war jahrelang Kassier der Spielplatzkommission und als solcher stets Mitglied im Vorstand des Quartiervereins. Der Ort mit den beiden Gebäuden, mit den Feuerstellen und den Abenteuer-Hügeln, mit dem Ballspielplatz und den Tischen unter dem Vordach, hier findet ein grosser Teil des gemeinschaftlichen Quartierlebens statt. Des Nachts gebe es oft auch Besuch von erwünschten und vereinzelt ungebetenen Gästen, aber damit hat man zu leben gelernt. Und eine Überwachungskamera schreckt ein wenig ab von allzu üblem Tun. Die Freizeitanlage ist beispielhaft für das Zusammenleben in einem Quartier. «Ein Begegnungsort, der auch Jugendlichen etwas bietet, was natürlich nicht immer nur problemlos läuft», sagt Wyler – und ein wenig Stolz schwingt mit in seiner Stimme. Und dann – Überraschung! – öffnet er die Tür eines Schuppens. Hier drin steht die Draisine – ein Schienenfahrzeug, das per Kurbel in Fahrt gesetzt wird. Das Gleisstück, das befahren werden kann, ist ein altes SBB-Gleis, das einst zum Schlachthof führte. Den Schlachthof gibts seit mehr als 40 Jahren nicht mehr; doch die Schlachthofstrasse, die Metzgerbrücke und ein Stück weit ein rohes Gefühl von gestern sind dem Nägelsee geblieben.
Martin Gmür
Zur Person
Marc Wyler ist 55-jährig, arbeitet als Chemiker zu 80 Prozent in einer Winterthurer Duftfirma, die unter anderem für Firmen und Ladenketten Parfums kreiert. Er lebt mit Frau und Sohn seit rund 20 Jahren im Nägelsee. (Bild: Martin Gmür)

