Von Egeln, Bällen und Schweinen
Vom «Egelsee» im 16. Jahrhundert zum Quartier zwischen Töss, Eisenbahn und Autobahn: Nadia Pettanice zur Geschichte des Nägelsee-Quartiers.
Ortsunkundige dürften doppelt verwirrt sein, denn das ehemalige Arbeiterquartier verfügt weder über einen See, noch über eine auffallend hohe Dichte an Nagelstudios. Der Name ist erklärungsbedürftig. Einheimische wissen vermutlich: Der Name ist alt – sehr alt sogar – und reicht mindestens bis ins 16. Jahrhundert zurück.
In einer Urkunde aus dem Jahr 1542 ist von einem Karrenweg die Rede, der «zwüschend den Hüsseren über den Krugler durch die Töss inn Egelsee» führt. Damals hatte es in diesem unbebauten Landstrich tatsächlich noch mindestens drei grössere Tümpel, die von Nebenflüsschen der noch wilden und unkanalisierten Töss gespiesen wurden. In ihnen lebten zahlreiche Egel, die dem «Egelsee» seinen Namen gaben. Im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich dieser durch den Sprachgebrauch zum «Nägelsee». Gleichzeitig dehnte sich die Bezeichnung auf den gesamten Landstrich jenseits der Töss aus, der ursprünglich auch «Aderland» hiess – wegen der vielen Wasseradern.
Mit der Industrialisierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts änderte sich die Landschaft grundlegend. Immer mehr Arbeiterfamilien zogen nach Töss und benötigten Wohnraum, Schulen und Versorgung. 1865 errichteten die Tössemer eine erste Holzbrücke zum Nägelsee und begannen, das Land zu kultivieren. Beim Jahrhunderthochwasser von 1876 wurde sie von der reissenden Töss mitgerissen und 1881 durch eine Eisenbrücke ersetzt.
Ein neues Quartier entsteht
Ab 1895 setzte die Besiedlung des Nägelsees ein. Neben dem Schlachthaus für die Gemeinde Töss entstanden erste freistehende Einfamilienhäuser an der Büchli- und Jakobstrasse. Am 3. Januar 1900 fand auf dem 1899 fertiggestellten Friedhof Töss die erste Beerdigung statt.
Viele der neu zugezogenen Arbeiterfamilien waren katholischen Glaubens. Sie kamen vom nahen Ausland oder aus der Innerschweiz. Lebten 1860 erst 95 Katholikinnen und Katholiken in Töss, so waren es um 1900 bereits 895. Am 21. Januar 1906 fand im Schulhaus Eichliacker der erste katholische Gottesdienst seit der Reformation statt. Möglich machte dies die Schulpflege, die den Schulraum an Sonn- und Feiertagen zur Verfügung stellte. Diese Geste zeugte von guter Nachbarschaft zwischen den Konfessionen. 1913 wurde die Kirche St. Josef eingeweiht, zwei Jahre später wurde im Restaurant Metzgerhalle der Quartierverein Nägelsee gegründet.
Fussballer ziehen ein
Seit 1906 existiert der FC Töss. Dieser spielte zuerst auf dem Reitplatz. Dieser musste aber während dem Ersten Weltkrieg zugunsten eines Kartoffelackers wieder hergeben werden. 1921 konnte der FC Töss dann den von ihnen selbst in Fronarbeit gebauten neuen Sportplatz im Nägelsee-Quartier beziehen. Damit spielte er erstmals auch tatsächlich auf Tössemer Boden. Ein Jahr später kam die Eingemeindung und so stand der Platz nun auch auf Winterthurer Boden.

Während die Fussballer auf ihrer Wiese munter das Runde ins Eckige brachten, hatte der Quartierverein mit zahlreichen Anliegen zu kämpfen: Schutt an der Friedhofsstrasse störte Leichenzüge, das Kanalbad litt unter Verschlammung, die Ruine Alt-Wüflingen verfiel. Besonders dringlich war die Elektrifizierung des Quartiers, die aus Sicht der Bewohnerschaft nur schleppend vorankam.
Mehr Schweine als Menschen
1940 eröffnete im Nägelsee der neue städtische Schlachthof, eine der modernsten Anlagen Europas. Bald hielten Zugwaggon um Zugwaggon in Töss, um Schweine und Rinder abzuladen, die ihrem Schicksal entgegenmarschieren mussten. Die Nachbarschaft zur Wohnsiedlung war nicht immer harmonisch: Beschwerden über Lärm, üble Gerüche oder Schlachtabfälle im Flussbett waren keine Seltenheit. Manchmal mischte sich auch der Bouillon-Geruch der Maggi-Fabrik in Kemptthal darunter, was den Nägelsee zu einer olfaktorisch anspruchsvollen Gegend machte.
Die Autobahn kommt
Im Oktober 1950 verfolgten bis zu 1000 Zuschauende das Schweizercup-Spiel zwischen dem FC Töss und den Zürcher Red-Stars. Der 3:1-Sieg verwandelte den Sportplatz kurzzeitig in eine Festwiese – doch seine Tage waren gezählt. Mit der zunehmenden Motorisierung rückte der Autobahnbau näher. Ab 1961 wurde die Schlosstalroute Realität: Das Quartier versank im Lärm, Staub und Gestank des gefrässigen Betonwurms, der nicht nur Wohnhäuser, sondern auch den Sportplatz und das Hotel Krone verschlang.
1967 schloss trotz Widerstands die Konsum-Filiale an der Metzggasse. Die Menschen mussten nun für ihren Einkauf zum neu eröffneten Konsum Center (später Coop) an der Zürcherstrasse laufen. 1974 ist ein Freudejahr für den Nachwuchs im Quartier – endlich erfolgt der Spatenstich für den neuen Spielplatz Nägelsee durch den damaligen Stadtpräsidenten Urs Widmer.
1983 erfolgte die Schliessung des Schlachthofs. Es entstand eine grosse Industriebrache, die erst im Jahr 2006 einer neuen dauerhaften Nutzung überführt werden konnte. Statt Schlachtvieh gibt es dort nun Baumaterial.
Blicke in die Protokolle des Quartiervereins, die anlässlich der Jubiläumsschrift Fortsetzung auf Seite
im Jahr 2015 zusammengetragen wurden, offenbaren die kleinen und grösseren Sorgen der 1990er-Jahre. So beschäftigt sich der Quartierverein mit dem Lärmschutz bei der Autobahn, dem umstrittenen Hundeauslauf am Tössufer, die Einführung von Tempo 30, weiterhin störende Maggi-Gerüche und klebrigem Flaum auf Pappeln.
Von Abenteuern, Stegen und dunklen Landen
2011 bot abermals Anlass für ein grosses Quartierfest. Nach drei Jahren Vorarbeit konnten die Kinder ihren neuen Abenteuerspielplatz in Beschlag nehmen. Liebevoll gestaltete Spiel- und Kletterstationen aus Holz, Seilen, Ketten und alten Feuerwehrschläuchen laden zum Spielen und Entdecken ein. Kinder aus dem Quartier haben beim Bemalen der Holzkonstruktionen geholfen und auch Lehrlinge der Baufirma Lerch haben kräftig mitangepackt. Auch der 2021 verstorbene Immobilienunternehmer Robert Heuberger zeigte sich damals grosszügig und spendierte dem Quartier die grosse orangefarbene Röhrenrutschbahn.
2015 hiess es für 24 Püntiker im Quartier Abschied nehmen von ihrem Schrebergarten. Die Stadt Winterthur verkaufte das Land um den Zuzug von neuen Firmen zu ermöglichen. Die Pünt Dunkelland verlor damit rund einen Fünftel ihres Gartenbestandes. Der Landstrich heisst so, weil die Pünten auf einem der schattenreichste Flecken von ganz Winterthur stehen. Die Püntiker gingen… und niemand kam. Mittlerweile ist Gras über dem Areal gewachsen.
Schon seit seiner Gründung bemüht sich der Quartierverein Nägelsee um die Erschliessung des Wohnquartiers. So setzte er sich 2009 für den Bau eines kleinen Fussgängersteges über den Rieterkanal am Tösuferweg ein, damit man besser der Töss entlang flanieren konnte. Das kleine Steglein beschäftigte die Stadt Winterthur und das Quartier aufgrund von acht Einsprachen dann über ein Jahr lang. Auf die Hinterbeine stand der Quartierverein auch 2024, als es darum ging den Fussgängersteg der Metzgerbrücke zu entfernen. Sie bildet schliesslich bis heute den wichtigsten Zugang zum Quartier und wird auch von den Kindern als Schulweg genutzt.
Ein neues Gotteshaus entsteht
2024 war ein Jubeljahr für den Islamischen Kulturverein Winterthur. Nach mehrjähriger Planung konnte die Gemeinde ihre neue albanische Moschee feierlich eröffnen. Die ganze Bevölkerung war eingeladen. Es handelt sich um die erste Moschee im Kanton Zürich, die als eigenständiges Gebäude errichtet und mit ihrer Kuppel auch nach aussen klar als Gotteshaus zu erkennen ist. Die Moschee dient der Gemeinde dabei gleichermassen als Gebetsraum und Kulturzentrum.
So ist der Nägelsee geblieben, was er immer war: ein Stück Land, das sich den Zeiten beugt, ohne sein Gedächtnis zu verlieren, und dessen Geschichte sich nicht in Steinen, sondern in den Spuren seiner Bewohner fortschreibt.
Nadia Pettannice n
FC Töss spielt auf dem Sportplatz Nägelsee, um 1922 (Bild: winbib)
Blick über das Nägelsee-Quartier, 2021 (Bild: Nadia Pettannic
Zur Person
Marc Wyler ist 55-jährig, arbeitet als Chemiker zu 80 Prozent in einer Winterthurer Duftfirma, die unter anderem für Firmen und Ladenketten Parfums kreiert. Er lebt mit Frau und Sohn seit rund 20 Jahren im Nägelsee. (Bild: Martin Gmür)

