
Das Schwimmbad Töss wird 55
Badekappen, Gasheizung und Gemeinschaftsgeist
1970 öffnete das Schwimmbad Töss seine Tore – als letztes Freibad in Winterthur. Der Weg dahin war lang, politisch aufgeladen und gespickt mit skurrilen Zwischenfällen: Von Farbanschlägen über Heizungsdebatten bis hin zu Froschwettkämpfen und schwimmenden Unterhosen – unser «Schwümbi» hat einiges erlebt.
1970 erfüllte sich in Töss ein lang gehegter Wunsch: ein eigenes Quartierschwimmbad. Die Pläne für ein Bad bestanden allerdings schon viel länger. Bereits in den 1920er-Jahren sehnten sich die Tössemerinnen und Tössemer nach einer sauberen Alternative zur verdreckten Töss. 1928 entstand eine Schwimmbadkommission, erste Projekte wurden angedacht, scheiterten aber an der Wirtschaftskrise, an städtischen Finanzen – und an Landansprüchen von SBB und NOK. So verstrichen Jahrzehnte voller Verhandlungen und Hürden.
Als Zwischenlösung liess der damalige Stadtpräsident Hans Widmer kurzerhand den Fabrikkanal zum Strandbad umbauen. Das improvisierte Bad wurde rege genutzt – trotz schlammigem Boden und starker Verschmutzung, die nicht selten Hautirritationen auslösten. Der Tössemer Lokführer Hermann Schneider wurde zur treibenden Kraft: Ab 1947 wies er öffentlich auf die Missstände hin.
«De Tössemer» als Sprachrohr
Weil sich nichts in der Angelegenheit tat, rief Schneider 1958 gemeinsam mit Mitstreitern das Aktionskomitee zur Gründung einer Schwimmbadgenossenschaft ins Leben. Um politischen Druck zu machen, gründeten sie gleich auch eine eigene Quartierzeitung – «De Tössemer». Während das Aktionskomitee sich um einen Standort im Auwiesenquartier bemühte, plante die Stadt ein grosses Bad im Schlosstal für Wülflingen und Töss. Ausgerechnet jene beiden ehemaligen Dorfgemeinden, die früher ihre Badereviere mit Stöcken und Steinen verteidigten, sollten nun also zusammen planschen. Das war ein Plan, dem beide Stadtteile nur halbherzig zustimmten, während man weiterhin auf eine separate Lösung hinarbeitete. Das Schlosstalprojekt scheiterte 1963 an fehlenden Bauparzellen und so sprach sich der Stadtrat nun auch für zwei separate Bäder aus.
Am 15. November 1963 wurde zu diesem Zweck die Schwimmbadgenossenschaft Töss gegründet – unter grosser Beteiligung der Bevölkerung. Der Architekt Franz Habegger gewann 1965 den ausgeschriebenen Wettbewerb. Doch die Umsetzung liess auf sich warten: Eine Bewilligungspflicht für «Luxusbauten» und Schwierigkeiten bei der Mitgliederwerbung verzögerten den Baustart. Erst 1968 ging es los – mit einem Budget von 3.8 Millionen Franken.
Von Bauverzögerungen und Badekappen
Die Freude über das neue Schwimmbad war so gross, dass es zehn Tage vor der offiziellen Eröffnung bereits von der Tössemer Jugend in Beschlag genommen wurde. Das war auch problemlos möglich, weil zu diesem Zeitpunkt noch die Einfriedung fehlte. Am 18. Juli 1970 folgte dann der offizielle Eröffnungsakt. Den ersten Eintritt löste eine ältere Dame, die als «singende Luise» in Töss bekannt war. Sie machte ihrem Namen alle Ehre und schwamm singend die ersten paar Längen im Becken.
Der ganze Stolz des Schwimmbads war die eingebaute Gasheizung, die das Wasser konstant auf 23°C erhitzte und ein Unikum war in Winterthur. Trotz 40 000 registrierter Saisonkarten endete die erste Saison mit einem empfindlichen Defizit von über 20 000 Franken. Die Firma Rieter sprang ein und rettete das Bad mit einer grosszügigen Jubiläumsspende. An kostspieligen Herausforderungen mangelte es in der Folge jedoch nicht – immer mehr Mängel machten sich bemerkbar, wie Durchzug in den Garderoben und undichte Wasserleitungen. Für die ganzen Mühen und Verbesserungen wurde das Schwimmbad 1971 mit einem regelrechten «Bombensommer» belohnt – unfassbare 144 000 Eintritte hatte das Schwimmbad Töss seit der Eröffnung bereits verbucht. Dies führte zu ambitionierten Zielen – bis 1980 wollte man eine Million Gäste begrüsst haben.
1972 führte die Stadt eine Badekappenpflicht ein – begründet wurde die Massnahme mit der Steigerung der Hygiene. Ausschlaggebend dürfte aber vor allem
die Schonung der Filteranlagen gewesen sein, da sich
dort immer wieder Haarballen sammelten und die Filter dann aufwendig gereinigt werden mussten. 1973 gab Hermann Schneider das Präsidium ab. Er blieb «seinem» Schwimmbad aber ein Leben lang verbunden. 1975 schenkte er dem Bad einen steinernen Frosch, der noch heute an ihn erinnert.
Obwohl es bis zur Einführung der Buslinie 11 im Jahr 1982 und der Buslinie 8 1987 noch keine direkte ÖV-Anbindung gab, fanden die Leute den Weg ins Schwimmbad mühelos – meist mit dem Auto, wofür auch grosszügig Parkplätze zur Verfügung standen. Das Schwümbi war zur Halbzeit voll auf Kurs und verzeichnete bereits 500 000 Eintritte seit der Eröffnung.
Danach gingen die Besuchendenzahlen allerdings zurück – nicht zuletzt auch wegen der Eröffnung des Hallenbades Geiselweid und dem Bau weiterer Freibäder in der Region. So häuften sich bald die finanziellen Probleme. Die Stadt kritisierte insbesondere die hohen Personal- und Heizkosten und wollte die Gasheizung stilllegen, worauf in Töss die Wogen hochgingen. Als die Gasheizung jedoch 1986 Feuer fing und komplett ausstieg, verweigerte die Stadt jegliche Reparaturen, dies auch vor dem Hintergrund eines bundesweiten Energiesparprogramms. Stattdessen plante die Stadt den Bau einer «Solaranlage», dafür sollten auch die rund 50 000 Franken aufgewendet werden, die von der Brandversicherung bezahlt wurde. In Töss herrschte darauf dicke Luft und «De Tössemer» titelte entrüstet «Vom Drama zum Skandal!» und liess sich verärgert über das «Sportverhinderungsamt» aus und wollte die abgebrannte Gasheizung als Mahnmal stehen lassen. Die Schwimmbadgenossenschaft liess jedoch nicht locker und finanzierte die Reparatur über Spenden selbst. Die Heizung lief wieder, allerdings nur bis 1990, denn dann wurde sie während dem Einbau der Solaranlage zum Entsetzen der Schwimmbadgenossenschaft kurzerhand abgerissen. Das Wasser wird seither auf das Dach der Anlage gepumpt, dort durch die Sonne aufgewärmt und zurück ins Becken geleitet. Das hilft ein bisschen, doch an die ursprünglichen 23°C kam die Anlage nie mehr heran.
Von Farbangriffen und Unterhosen-Trends
Skurril und teuer wurde es 1983: Unbekannte verübten Farbanschläge auf mehrere Freibäder – auch in Töss. Das Bassin musste über Nacht von der Feuerwehr gereinigt werden. In den 2000er-Jahren machte eine bizarre Modeerscheinung Schlagzeilen: Jugendliche trugen plötzlich Unterhosen unter den Badeshorts. Manche Bäder führten Kontrollen ein – nicht so Töss. Hier verschwand der Trend genauso schnell, wie er aufgetaucht war.
Trotz aller Herausforderungen hat sich das Schwimmbad Töss behauptet – auch dank kreativer Ideen: Mit dem Wettbewerb um den «schnellsten Tössemer Frosch» oder dem internationalen «Eulach-Meeting» fanden sportliche Highlights statt. 2024 durften zum ersten Mal auch Hunde zum Saisonabschluss ins Wasser springen – ein gelungener Abschluss für ein Bad, das seit 55-Jahren mit viel Ausdauer, Engagement und Herzblut die Stellung hält. Für eingesessene Tössemerinnen und Tössemer mag die Schwimmbadgeschichte ein alter Hut sein, doch eventuell schwimmt es sich nun auch für die jüngeren Generationen etwas «geschichtsträchtiger» in unser guten alten Badi.
Nadia Pettannicen
Anlässe im Schwimmbad Töss
Die Saison im Schwimmbad Töss beginnt am 10. Mai. Am 13.6, 11.7, 15.8 findet jeweils ein Vollmond-Schwimmen statt und das Schwimmbad ist bis 22.00 Uhr gehöffnet.
Am 6. Juli findet ab 13.00 Uhr der «Schnellste Tössemer Frossch statt», ein Wettschwimmen für Kinder von der 1. bis zur 9. Klasse. Gleichzeitig findet zudem ein Millionenmeter-Schwimmen statt.
Informationen zu den Anlässen auf:
