Ein Leben für die Fussballfans und die Vielfalt

Achille «Chilli» Hild und seine Fussballfabrik

Seit einigen Jahren lebt der Präsident des Vereins fussballkultur.ch nun in Töss. Neben dem Public Viewing im Vitus Areal ist Chilli Hild auch sonst ganz mit dem Fussball verbunden. Auch wenn ihn dieser Sport früher nur mässig interessiert hat.

«Guten Morgen! Willkommen bei uns in der Fussballfabrik in Töss. Schön seid ihr alle da», klingt es aus den Boxen auf dem Vitus-Areal. Das Public Viewing in Töss platzt aus allen Nähten. Ein historischer Fussballabend steht bevor. Die Schweiz steht gegen Argentinien zum ersten Mal seit 72 Jahren wieder in einem WM-Viertelfinal. Die Stimme aus den Boxen ist freundlich, zurückhaltend und doch sehr klar, einfach und verständlich. Den Besitzer dieser Stimme nennen alle Chilli (augesprochen: Tschilli). Kennen tun ihn viele, zumindest vom Sehen her, denn Chilli redet gerne mit Menschen und ist hier beim Public Viewing fürs Catering verantwortlich. Er ist gleichzeitig auch Präsident des Vereins fussballkultur.ch und engagiert sich, zusammen mit seinen Vereinskolleg:innen während dieser WM sehr, dass sich Fussballfans wohlfühlen beim gemeinsamen Spiele schauen. Keine einfache Aufgabe, bei so vielen Spielen und nicht wenige davon in der Nacht. Als Leiter des Bereichs Catering schaut Chilli, dass genug Würste, Pommes und Bier und vor allem genug helfende Hände da sind während den Spielen.

Vom Weinland über Israel auf die Schützenwiese und nach Töss

Diese Bereitschaft mitzuhelfen, mitanzupacken und sogar noch Verantwortung für ein solches Projekt zu tragen, war aber im Leben von Chilli nicht immer gleich stark vorhanden. Achille Hild kommt 1975 im Zürcher Weinland auf die Welt. Er wächst im behüteten Gütighausen auf. Bei seinem richtigen Vornamen nennen ihn übrigens nur sein Eltern – sonst ist er wirklich für alle Chilli und möchte auch nicht anders genannt werden. Chillis Jugend war vor allem geprägt von Rockmusik und Partys. Nach der Berufslehre als Koch in Magglingen im Berner Seeland zieht es Chilli in die grosse weite Welt. Er kocht auf Kreuzfahrtschiffen, in England, verbringt auch zwei Jahre in Israel, im Ferienort Eilat am Roten Meer. Dort trifft er auch die spätere Mutter seiner drei Söhne, heute seine Ex-Frau. Für die Familiengründung geht es zurück in die Heimat. In Ossingen, gleich neben Gütighausen, findet die Familie ein Zuhause. Einer der drei Söhne beginnt sich für Fussball zu interessieren und möchte selbst in einem Verein spielen. «Bis dahin hatte ich wenig Berührungspunkte mit Fussball.» Als sich Chilli nun selbst für den Sport zu interessieren beginnt, erfährt er vom FC Winterthur. Damals, Mitte der 2000er-Jahre, beginnt sich dort gerade eine bunte und kreative Fanszene zu entwickeln und Chilli steht eines Tages plötzlich in der Bierkurve und ist begeistert von dieser Art der Fussballkultur. Mit seinen Kindern besucht er die Heimspiele, immer öfters auch in der Sirupkurve und beginnt sich dort zu engagieren. Heute kennen ihn jung und alt bei den FCW-Heimspielen unter anderem als den Typen an der Zuckerwatten-Maschine.

Töss lieben gelernt

Mittlerweile hat das Spiel begonnen. Sonntag, 12. Juli, 3 Uhr morgens. In der Fussballfabrik, im Meer rot-weisser Trikots und Fahnen, taucht auch immer wieder Chilli auf. Er hält einen Schwatz da, bespricht sich mit den Helfenden dort oder legt selber Hand an, wenn es nötig ist. «Ich bin hier irgendwie einfach reingerutscht, ähnlich wie in der Sirupkurve.» Als der Vorstand des Vereins Fussballkultur.ch (Vor diesem Public Viewing auf dem Vitus Areal organsierte dieser den Fussballschuppen am Bahnhof Töss) sich neu aufstellte, wollte niemand das Präsidium übernehmen – Chilli übernahm den Job.

Mehr als 24 Stunden später. Ich treffe Chilli zum Gespräch. Die Nati hat nach Verlängerung 1:3 verloren. Chilli ist müde, sieht aber trotzdem aus, als wäre er im Ferienmodus. Kurze Shorts, buntes T-Shirt der Band Fleetwood Mac und über seinen grau-schwarzen Locken träg er eine Baseball-Cap. Heute hat er frei. Er arbeitet normalerweise als Koch im Universitätsspital Zürich bei der Patienten-Verpflegung. In Töss lebt er nun seit fünf Jahren und fühlt sich hier pudelwohl. Er wohnt direkt neben dem Bahnhof Töss an der Stationsstrasse. «Ich habe eine Wohnung gesucht und fand Töss schon immer cool». Chilli schätzt einerseits, dass er mit dem Velo von sich zu Hause überall schnell hinkommt. Ob zum Hauptbahnhof Winterthur, wenn er zur Arbeit pendelt, zu diversen Einkaufsmöglichkeiten in der Umgebung oder auch ins Naherholungsgebiet an der Töss. Er ist gerne Gast in der «Schuppen Bar» beim Bahnhof (aktuell wird diese wegen Umbau des Güterschuppens temporär als «Perron Bar» geführt) oder sitzt im Publikum bei politischen Anlässen wie dem «Blickpunkt Töss» im letzten Jahr. «Ich finde, es läuft viel hier, manchmal wünschte ich mir, bei diesen Events wäre das Publikum etwas durchmischter.» Deshalb mag er auch die Fussballfabrik, weil da Menschen zusammenkommen, die nicht nur die Schweizer Nati unterstützen, sondern auch ein Herz für andere Länder haben wie die Türkei, Portugal, Spanien, Marokko oder Brasilien. Dieses multikulturelle behagt Chilli auch sehr, wenn er im Zentrum Töss ist. Es sei eben mal etwas anderes und sehr Spezielles. Kein Ort, der vorgebe perfekt zu sein aber dennoch ein Ort, an dem Menschen sich wohlfühlen. Und genau das mag auch Chilli, ob in der Sirupkurve oder in der Fussballfabrik: Die Menschen sollen sich wohlfühlen.

Simon Berginz (Text und bild)