Die M. Tanner AG konstruiert auf dem Vitus-Areal Maschinen für die Lebensmittel-Industrie
In Töss gebaut – weltweit gefragt: Förderanlagen für Pet-Rohlinge
Dank einem Zufall zügelte die M. Tanner AG vor vier Jahren nach Töss: Der Firmenchef war auf der Suche nach einem neuen, grösseren Standort und fand ihn, als er während der Corona-Pandemie in einer grossen Rieter-Halle zum Impfen antrat. Mittlerweile arbeiten über 50 Personen bei der M. Tanner AG in Winterthur, planen und produzieren hier Maschinen und Anlagen für die Getränkeindustrie, die dann nach Amerika, Asien oder Afrika verfrachtet werden.
Wer ein Coca Cola oder ein Rivella trinkt, einen Migros-Eistee oder Süssmost von Möhl, der hat mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Pet-Fläschchen in der Hand, das als Rohling durch eine Anlage der Tössemer Firma gelaufen ist. Die M. Tanner AG ist vor vier Jahren von Illnau in eine ehemalige Rieter-Fabrikhalle gezügelt und hat damit ihren Produktionsstandort von 4000 auf 6000 Quadratmeter vergrössert.

In der hellen Halle entstehen jeweils vier, fünf, sechs Maschinen nebeneinander, die dann in alle Welt verschifft werden. Von der Bestellung bis zur Auslieferung dürfen nicht mehr als 12 Wochen vergehen, das verlange der weltweite Markt, sagt der Firmenchef Marco Tanner. Etwa 60 Maschinen verlassen jedes Jahr die Halle in Töss. Jede ist mehrere Meter hoch, lang und breit, und auf einem Treppchen kann man hinaufsteigen, um den Ablauf zu kontrollieren. Es sind so genannte Preform-Zuführanlagen mit Luftrinser für Streckblasmaschinen.
Was ist eine Streckblasmaschine
Hier eine kleine Erklärung zu diesen Monsterworten: Zuführanlagen, das können beispielsweise Förderbänder sein, wie sie die M. Tanner AG in früheren Jahren für die Lebensmittelindustrie produzierte. Im Fall der Petflaschenproduktion ist es jedoch kein Förderband, sondern eine Maschine mit sowas wie Schienen, auf denen die Pet-Rohlinge (die so genannte Vor- oder Preform) in einem Höllentempo zur nächsten Maschine rasen. 30 000, 50 000 bis 100 000 Flaschen pro Stunde schaffen diese so genannten Streckblasmaschinen, und natürlich müssen auch die Zuführanlagen diese Zahlen erreichen. Da sausen die relativ harten Pet-Rohlinge nur so durch Stäbe und Schienen, um genau dort zu landen, wo Hitze und Druckluft aus jeder festen Preform eine flexible Flasche formen.
Was die Zuführmaschinen aus Töss nebenbei auch noch leisten müssen: Sie blasen ionisierte Luft in die Rohlinge, um die statische Ladung wegzubringen, damit keine Staubpartikel in den Fläschchen sind – Luftrinser heisst dieser Teil der Anlage. Wobei diese Hygienemassnahme bei Fruchtsäften oder Milchshakes wichtiger ist als bei Cola.
Viel Logistik vor der Konstruktion
Von A bis Z, also von der Planung einer solchen Anlage, der Berechnung, der Beschaffung der Einzelteile bis hin zum letzten Schräubchen, das angezogen sein will, passieren alle Arbeitsgänge in Töss. Bis zu 26 000 verschiedene Einzelteile braucht es für jede Anlage. Und weil jede wieder anders ist, hat es die M. Tanner AG mit bis zu 80 000 verschiedenen Artikeln zu tun. Das Richtige im richtigen Mass einzukaufen mit der notwendigen Qualität und zum richtigen Zeitpunkt, das sei eine «grosse Challenge», sagt Tanner. Nötig sind natürlich auch Konstrukteure, IT-Fachleute, das ganze Engineering, die Montage durch Maschinenmechaniker, das Verpacken in riesige Holzkisten – all das machen die Mitarbeitenden der M. Tanner AG in Töss. Am Tag unseres Besuchs stand da beispielsweise eine fast fertige Maschine, die demnächst nach Guatemala verfrachtet wird, 90 000 Rohlinge pro Stunde wird sie der Streckblasmaschine zuführen. Eine andere ist mit dem Ziel Südkorea angeschrieben für 28 000 Einheiten pro Stunde, eine dritte mit Tansania und 48 000 Flaschen stündlich.
USA: Hauptabsatzmarkt und Sorgenkind
Die Schweiz sei im globalen Vergleich ein Minimarkt, sagt der CEO, einer der grössten und wichtigsten Absatzmärkte sei Nordamerika: «Gleichzeitig sind die USA aber auch unser Sorgenkind, denn wegen der Zölle haben wir rechte Einbussen erlitten.» Das grösste Problem jedoch sei heute, dass mehrere Krisen gleichzeitig passieren, das erschwere die Planung. Gleichwohl bleibt Tanner positiv und rechnet mit «Wachstum in unserem Markt trotz der Krisen». Von einem Stellenabbau jedenfalls ist nicht die Rede – im Gegenteil: 50 Leute arbeiten in Winterthur, 20 weitere weltweit, und in diesen Tagen sind drei Jobs in verschiedenen Bereichen ausgeschrieben. «Seit wir in Winterthur sind, haben wir bessere Bewerbungen als zuvor in Illnau», sagt Marco Tanner – woran das liegt, mag er nicht abschliessend beurteilen: Vielleicht ist es die Grösse der Stadt, die hiesige Tradition im Maschinenbau, die lokalen Ausbildungsstätten? «Wir schätzen es jedenfalls sehr, hier so zentral und bestens erschlossen zu arbeiten.»
Martin Gmür (Text) und Simon Berginz (Bilder)
Die Familie und der Fussball
Der heutige Firmenchef Marco Tanner spielte vor bald 30 Jahren zeitweise in der ersten Mannschaft des FC Winterthur und wechselte zum FCZ. Eine Verletzung samt Operation aber warf ihn zurück und zwang ihn, den Profifussball aufzugeben. Mehr Erfolg hatte sein Vater, der Firmengründer Marcel Tanner. 1969 stand er als Mittelfeldspieler in jener Mannschaft des FC St. Gallen, die zum letzten Mal den Cupfinal gewann, bevor die St. Galler den Pokal dieses Jahr wieder in die Ostschweiz holten. Marcel Tanner klopfte darauf beim Vereinsvorstand an und bat um einen besser bezahlten Vertrag. Als die Clubchefs dies ablehnten, entschied sich Marcel Tanner im nächsten Jahr, seine Karriere auf höchstem Niveau zu beenden. Grund: Er brauchte das Geld – und gründete 1973 mit seiner Frau Rita Tanner in Zürich die Firma, von der hier die Rede ist und in der sie beide – mit Sohn und Tochter – noch heute aktiv tätig sind. (mgm)

